Mittwoch, 21. März 2012

City of Joy

Wow, Varanasi hat flughafentechnisch schwer aufgerüstet. Vor zwei Jahren musste noch ein einer Baracke ein Staubsauger bemüht werden, damit die Sicherheitsschleuse ans Laufen gebracht werden konnte. Heute gibt es einen hübschen, ganz normalen Flughafen mit immerhin vier Gates. Die indische Mittelklasse wächst stetig - und fliegt. Billige Inlandsflüge nehmen rasant zu, entsprechend gab die Gesellschaft IndiGo im letzten Jahr die größte Bestellung der bisherigen zivilen Luftfahrt bei Airbus in Auftrag. Ich flog mit JetLite für umgerechnet 30 Euro in einem nagelneuen Flieger in einer Stunde nach Kolkata.

Man sagt dem Inder im allgemeinen ja Ruhe und Geduld und wenig Stress nach. Das Gegenteil wird aber beim Besteigen und Verlassen öffentlicher Verkehrsmittel beobachtet. Synchron zur ersten Reifenberührung auf der Landebahn - zack, alle Handys an und kurz darauf stolpert man auch schon übereinander im Gang, um nun ja als erster sein Köfferchen auf dem Gepäckfach zu zerren. Dafür steht man dann länger an am Gepäckband und hat wertvolle Zeit für Muße gewonnen, keine schlechte Taktik.

Am Flughafen werden Prepaid-Taxis feilgeboten, die für kleines Geld in die Stadt befördern. Taxis, das sind hier gelbe, uralte Ambassador Autos im Stil der 50er. Mein Fahrer nutzt adlergleich jede sich bietende Lücke im Verkehr, tut dies aber sehr gemeidig und ohne große Huperei, angenehm professionell. Überhaupt, ich hörte vorher, das Verkehrschaos in Kolkata suche seinesgleichen und sei noch schlimmer als in Delhi oder anderenorts. Das kann ich nicht finden. Natürlich, wer europäische Verhältnisse gewohnt ist, möchte sich hier schreiend in Sicherheit bringen, aber ich finde den Verkehrsfluß hier recht gemäßigt. Wie in Mumbai gibt es Ampeln, man hupt nicht exzessiv und außer Taxis und Bussen sind eher wenige ausgefallene Fortbewegungsmittel wie Ochsenkarren und derlei zu sehen.

Kalkutta heißt heute Kolkata, so sagt man wohl im Bengalischen. Bekannt wurde es auch als Stadt der Freude nach dem gleichnamigen Roman. Für mich ist es erst einmal die Stadt des Waschküchenklimas. Das Thermometer lugt gerne über die 35° Marke und dabei ist es elend feucht. Die Tage beginnen entsprechend schon beim Frühstück schweißgebadet und auch beliebig viele Duschen ändern diesen Zustand nur kurzfristig.

Straßenbahn in Kolkata, alt und langsam, aber schön
Wie in jeder Metropole gibt es auch hier ein Touristenviertel, in diesem Fall die Sudder Street. Da wohne ich, oder besser gesagt: ich logiere. Ich habe mich im alt ehrwürdigen Fairlawn Hotel eingemietet, seit Generationen im englischen Familienbesitz und Ende des 18. Jahrhunderts gebaut. Man zahlt hier zwarmehr für Atmosphäre als für Komfort, dafür gibt es einen tollen Garten. Und überbordend dekorierte Gemeinschaftsräume im altmodischen englischen Stil, man würde sich nicht wundern, wenn irgendwann Miss Marple um die Ecke schaut. Fairer Weise ist im Preis hier das englische Frühstück und der 5-Uhr-Tee inbegriffen.

Dafür, dass die Sudder Street DIE Touristenmeile ist, geht es ganz beschaulich und indisch zu. Haufenweise Schlepper und Nepper wie anderenorts gibt es komischer Weise nicht, nur ein paar dezent für sich werbende Rischaläufer. Naja, am ersten Abend wurde mir außerdem sicher 20 mal bewußtseinerweiterndes Rauchzubehör angeboten.

Laufrikschas bieten ihre Dienste rund um den New Market an
Der erste Eindruck von Kolkata ist ausgesprochen nett. Eine lebendige Stadt, aber insgesamt recht aufgeräumt und entspannt. Als erstes habe ich das nahe gelegene Marktviertel rund um den von den Engländern errichteten Hallen des New Market durchstöbert. Märkte sind immer einen Besuch wert, finde ich. Besonders die Lebensmittelabteilung ist wie gewohnt farblich schön sortiert und fotogen.

Der Eismann ist da - bei 38° eine gute Sache
Kolkata besitzt, wer weiß das schon, eine der größten städischen Parkanlagen weltweit. Der  so genannte Maiden übertrifft denke ich den Central Park. Wobei man von der Gesamtfläche im Grunde nicht alles als Park bezeichnen möchte. Weite Teile sind einfach Brachland und dienen zum Müllabladen und zum Campieren für Slumbewohner. Unter anderem konnte ich beobachten, dass man durch die unkontrollierte Entsorgung größerer Mengen von Einweggeschrirr aus Plastik eine nachhaltige Verschandelung urbaner Erholungslandschaften erzielen kann. Um so gepflegter ist dafür die Anlage rund um das opulente Victoria Memorial. Zu Ehren der Königin wurde hier eine große Marmorkomposition errichtet, die hübsch anzusehen und auch bei den Indern beliebtes Ausflugsziel ist. Für 5 Cent Einrittt bekommt man als Gegenwert einen sehr gepflegten Park, der gänzlich unindisch anmutet.

Spass für Jung und Alt auf dem Maiden
Die weiten Rasenflächen gegenüber werden genutzt wie in Mumbai die Strände. Zum Flanieren, zum Besuch der vielen Essensstände und kleinen Unterhaltungsbetriebe. Ich versuche auch gleich, Luftballons mit dem Luftgewehr zu erlegen, mäßig erfolgreich (die Dinger sind alle krumm, wie früher auf der Kirmes).

Zum Abendessen lasse ich mal richtig krachen und suche das Thai Restaurant im besten Hotel des Viertels auf. Ganz hervorragend und das komplette Essen für etwa 10 Euro, wer will sich da beklagen. Tritt man aus der Tür des Nobelschuppens, sieht man 20 Meter weiter diejenigen, die allen Grund zur Klage hätten. Die breiten Bürgersteige leben, unter Kartons und Planen fristet die müllsortierende und bettelnde Zunft ihr Dasein.  Wie immer liegen arm und reich hier dicht beieinander. Das Klischee des allgegenwärtigen Elends, das Kalkutta oft anhaftet, bestätigt sich hier allerdings nicht auffälliger als in anderen indischen Großstädten auch, soweit ich das bisher beurteilen kann.

Montag, 19. März 2012

Der Ganges fließt

Wenn auch träge und mit nicht all zu viel Wasser bewegt sich der heilige Strom stetig Richtung Osten, besonders schön am Abend, wenn hunderte Öllichter auf ihm schwimmen. Die Anzahl der Motorboote ist nach wie vor sehr überschaubar, es wird still gerudert. Gestern Abend musste ich erstaunt ein "Party-Boot" sichten, das bunt beleuchtet indische Popmusik in die Stille absonderte, everything is possible.

Auch erstaunlich fand ich eine Demonstration am Asi Ghat, dem südlichen Stadtende. Dort wurde lautstark gegen die Verschmutzung der heiligen Gewässer durch Seife und Müll protestiert. Morgentliches Bad ja, aber bitte ohne Schampoo - hier regt sich das ökologische Gewissen ungewohnter Weise.

Der Hauptzugang zum Ganges gehörte am späten Nachmittag einer unüberschaubar großen Pilgergruppe aus Maharashtra. In bunten Trachten wurde musiziert und wilde Tänze lockten Zuschauer herbei und sorgten für viel fröhliche Stimmung. Das war doch mal ein schönes Vorsprogramm zur Krishna-Zeremonie.

Mal die Welle machen
Heute war dann die obligatorische Bootsfahrt fällig. Zum Sonnenaufgang an den geschäftigen Ghats vorüber rudern lassen erfreut Auge und Gemüt. Leider wurde die Sicht durch große Botte stark beeinträchtigt, in denen japanische Reisegruppen gleich busladungsweise ufernah befördert wurden. Japanische Gruppen fallen dabei besonders durch die Uniformiertheit ins Auge: alle mit den gleichen weißen Käppchen, gelben Jäckchen und dem wohl unverzichtbaren Mundschutz ausgestattet. Das gibt ein ganz putziges Bild ab, aber doch bitte nicht mitten im Getummel badender Brahmanen, das will man nicht. Auch eines der letzten Tabus, Fotografieren an den Verbrennungsstätten, scheint für reisende Horden aus Nippon aufgehoben, ich bin verwundert. Beim Frühstück warnt mich übrigens ein in meinem Gästehaus logierender Japaner nachdrücklich vor Reisen nach Japan in den nächsten Jahrzehnten. Dort sei alles verseucht, man schenke der Regierung keinen Glauben.

Coca Cola
Nahe der Verbrennungsstätten treffe ich später auch einen der wenigen echten Sadhus, die nicht als spendensammelndes Fotomotiv unterwegs sind. Der alte Mann rezitiert in schönem, wenn auch etwas unmelodischen, Singsang die heiligen Schriften, tief versunken und völlig desinteressiert am Geschehen in der Umgebung. Eine ganze Weile setze ich mich dazu und erfreue mich am Augenblick. Hier gibt es einfach viele Ecken, wo man lange sitzen und zusehen kann, ohne dass sich Langeweile einstellt. So werde ich es am letzten Tag in Varanasi dann auch machen, weitere Programmpunkte sollen nicht sein.

Sonntag, 18. März 2012

Heiliges Varanasi

Ich war recht froh, Allahabad zu verlassen. Der Zug, der immerhin schon an die 2000 Kilometer hinter sich hatte, kam nur eine halbe Stunde verspätet, sehr schön. Am Bahnhofskiosk kaufte ich "Trains at a Glance", auf 300 Seiten enthält dieses Kursbuch für 50 Cent alle Züge, die auf den 64000 Bahnkilometern Indiens verkehren. Weiteres Wissenswertes wird kundgetan, eine ganz nette Lektüre für unterwegs. Über mehrere Seiten werden die unterschiedlichen Rabatte für Fahrkarten aufgeführt. Neben den üblichen Ermäßigungen für Senioren oder Kriegsversehrte gibt es zahlreiche teils recht exotische Rabatte. Weibliche Studentinnen aus ländlichen Gebieten sparen die Hälfte; Eltern, die ein Kind zur Verleihung der Ehrenmedaille begleiten, gar 75%. Auch Kadetten, die zu Navigationskursen der Handelsmarine unterwegs sind, reisen sehr preiswert. Ich fühle mich nun vollumfänglich informiert.

In Varanasi logiere ich wieder im Ganpati Guesthouse, ich finde, eine der schönsten Herbergen Indiens. Schön, wieder hier zu sein! Ein Genuss ist die Stille, abends auf der Dachterrasse sitzend. Kein Verkehrslärm stört, nur der Ganges fließt dahin und die Klänge der abendlichen Krishna-Zeremonie liegen in der Lufr. Wo sonst hat man eine solche Ruhe mitten in einer indischen Millionenstadt?

Varanasi, die ewige Stadt, lohnt immer einen Aufenthalt. Hier ist Schluß mit Müßiggang, zum Sonnenaufgang morgens um sechs bin ich am Gangesufer, wie tausende Pilger aus dem ganzen Land. Die morgentlichen Baderituale sind stimmungsvoll, Stunden lässt sich an den Ghats, den Treppen zum Wasser, verweilen.

Qualmender Gruß an die aufgehende Sonne
Man könnte meinen, Varanasi habe eine eigene Grußformel für Fremde entwickelt. Statt "hello" begegnet einem hier ein hundertfaches "boat?", das man entweder ignorieren, oder mit einem freundlichen "helicopter?" beantworten kann. Die Scharen der Schlepper und Händler suchen schon ihresgleichen, dazwischen finden sich aber unheinlich viele freundliche Menschen und interessante Begegnungen, wenn man sich Zeit nimmt. Die habe ich zum Glück.

Tee beim Baba
Immer wieder sind Menschen hier erstaunt, dass man kein Hindi spricht. Schon in Allahabad wurde ich manchmal nach dem Weg oder sonstigen Auskünften befragt, wobei ich sicher nicht wissend aussah, und man war immer irritiert ob der Sprachunkenntnis. Zumindest haben wir die gemeinsamen Wurzeln der indogermanischen Sprachfamilie. Nein heisst hier nahin, ja ist mit ha zu übersetzen, wo also ist das Problem.

Außer dem Flussufer ist das Labyrint der Altstadtgassen ein toller Zeitvertreib. Etwas lästig sind die hier verkehrenden Motorräder. Kaum dem Gefährt ausgewichen, wird man hinterrücks von einem Lastenkarren überrollt oder von einer Kuh über den Haufen gerannt. Ein notwendiges Ausweichmanöver drängte mich durch einen Vorhang in einen Ladeneingang und unversehents stand ich im Verschlag des ohnehin benötigten Barbiers, sehr praktisch. Mittlerweile finde ich das Hotel sogar von der Altstadtseite aus, was nicht unkompliziert ist. Gestern allerdings verperrte dann ein recht großer, hinkender Stier die entscheidende Gasse.

Dank Wifi in der German Bakery (wo es prima Frühstück und echten Kaffee gibt) komme ich mal wieder zum Schreiben. Leider funktioniert hier bei Wifi-Zugängen - warum auch immer - der Fotoupload nicht, es bleibt also vorerst beim schnöden Text.

Donnerstag, 15. März 2012

Durch Dick und Duenn

Die gestern verzehrten Pakoras hatten offenbar ein Altoel-Problem. Das hatte unangemessen haeufige Toilettenbesuche zur Folge, was durchaus passieren kann. Ich verordnete mir einen halben Tag Bettruhe und nach einem Beutel Elotrans (eine tolle Elektrolyte-Glukose-Mischung mit allem, was man so braucht) moechte man fast wieder Baume ausreissen. Ich entscheide mich dagegen und fuer ein wenig Herumgefahre mit einer der wenigen Motorrikschas.

Das koennte die die gammeligste Rikscha des Landes gewesen sein, weder Licht, noch Spiegel oder gar Amaturen, dafuer drei Raeder und einen Haufen Rost oben drauf. Damit scheppern wir quer durch die Stadt zum Haus der Familie Nehru. Der erste Premierminister wohnte hier mit seiner Familie und heute ist das ganze ein Museum. Ein ordentliches Anwesen, die Familie gehoerte zu den Wohlhabenderen.

Meine Erkundigungen zum Kumbh Mela naechstes Jahr gestalten sich recht schwierig und widerspruechlich, ich hatte nichts anderes erwartet. Nicht viel schlauer als zuvor werde ich morgen Allahabad verlassen. Eine Stadt, die man nicht unbedingt gesehen haben muss und die ausser dem heiligen Sangam nichts gross zu bieten hat.

Mittwoch, 14. März 2012

Allahabad

Zugfahren ist in Indien immer wieder eine feine Sache. Gestern kam ich zeitig zum Bahnhof und dort gibt es am Eingang eine grosse Anzeigetafel fuer alle Zuege. Alle - bis auf meinen. Der tauchte dort nicht auf. Hm, ob des bereits drei Monate vorab gebuchten Tickets machte ich mir doch kurz Sorgen, aber erstmal rein in den Bahnhof, durch die Sicherheitskontrolle. Da war dann guter Rat auch erst teuer, da ist naemlich kein Mensch, den man befragen koennte. Ein Gepaecktraeger erwies sich schliesslich als hilfreich und verwies mich auf Gleis 16, sein Kollege bestaetigte dies. Gleis 16 heisst: genau am anderen Ende des Bahnhofes, Gleis 1 bis 15 wollen auf endlosen Treppenuebergaengen ueberwunden werden. Vielleicht haette ich den Traeger doch gleich engagieren sollen.

Die Gleisangabe war indes voellig korrekt. Puenktlich auf die Minute verlasse ich Delhi. Zum ersten mal fahre ich mit einem Rajdhani Express, dass ist eine besonders schnelle Zugklasse, eine Art ICE. Es gibt nur erste und zweite Klasse, sonst ist der Zug nicht anders als alle anderen. Doch, er ist aussen rot statt blau. Und verfuegt, wie ich dann feststelle, ueber einen besonderen Service. Kurz nach der Abfahrt wird bereits Mittagessen serviert: ein Gemuesecurry, Dhal, Reis, Chappatis, Pickles, Eis zum Nachtisch. Dazu bekommt jede reine grosse Flasche Wasser, alles im Fahrpreis enthalten! Zum Glueck hatte ich nicht allzu viel Proviant eingekauft und die Kekse kann ich auch spaeter noch brauchen. Zwei stunden spaeter wurde Tee gereicht, mit warmen Gebaeckteilen und allerlei Keksen. Wieder zwei Stunden spaeter gab es einen Snack bestehend aus Salzgebeck und einer Tomatensuppe, dann letztendlich ein Abendessen, umfangreich wie am Mittag. Erstaunlich das alles, besonders, dass die mit mir das Abteil teilende indische Familie die ueppige Verpflegung noch eifrig mit mitgebrachten Speisen ergaenzte. Ich habe die "meals on wheels" schon nicht ganz aufessen koennen. Wie machen die das, eine  Zugfahrt ueber 650 Kilometer fuer etwa 18 Euro in der zweitbesten Klasse und dann noch mit Vollverpflegung?

Wir sammeln kanpp eineinhalb Stunden Verspaetung an bis Allahabad. Das Hotel liegt einen Katzensprung vom Bahnhof, wie ich jetzt sicher weiss. Spaet abends und in Unkenntnis der Stadt nahm ich vorsorglich eine Rikscha, was fuer ein Geschaeft fuer den Rikschamann. Im vorgebuchten Hotel hatte man wohl nicht mehr mit meinem Erscheinen gerechnet oder betrachtet ankommende Gaeste generell als eher stoerend, den eindruck vermittelte zumindest der diensthabende Rezeptionist. Die fuer mit vorgesehene Behausung wurde zuvor von anderen bewohnt, die dort woertlich gehaust haben. Man hatte noch keine Zeit gefunden, diesen Zustand zu veraendern und das musste jetzt nachgeholt werden. Ich konnte zusehen, wie ein lustloser Angesteller das Bettzeug wechselte, kosmetisch ueber den Boden feudelte und wenige Teile der Mobilaroberflaechen mit einem Lappen streichelte. Nun, man will nicht klagen, wenigstens das Bettzeug ist in Ordnung und es gibt sogar zwei richtig saubere Handtuecher.

Kann man doch auch erwarten, schliesslich ist das hier "Deluxe". Indische Hotelzimmer sind nie einfach nur Zimmer, die sind immer Deluxe, Super irgendwas, luxery, Diamond, special, executive Suite... kurz, kaum noch auszuhalten vor Superlativen, die den verwoehntesten Gast umschmeicheln. Die Realitaet hingegen ist trist. Super Luxus heisst in der Regel: ein Bett steht drin und eine der zig Lampen funktioniert wirklich. Bei meinen Internetrecherchen habe ich ein Hotel gefunden, wo es auch Deluxe Zimmer gab und ausserdem, man staune, deutlich teurere "standard rooms". Herrlich, das wollte ich schon der Idee wegen buchen.

Doch zurueck zu Allahabad. Eine Stadt wie viele andere, die zunaechst nicht eben mit Besonderheiten aufwartet. Das alte Viertel Chowk, wo ich wohne, ist Chaos pur. Das kommt Delhi kaum mit, was Verkehrslaerm und wildes Treiben angeht. Auch hier ist man halt in einer Millionenstadt, das ist selten idyllisch. Bekannt ist Allahabad im Grunde nur wegen des Sangam. Das ist der Zusammenfluss von Yamuna und Ganges, sowie einem weiteren angeblichen, mystischen, unterirdischen Fluss, die sich hier vereinen zum "wahren" Ganges. Das heisst: der Ort ist heilig, heilig, heilig. Nicht umsonst findet hier das groesste der Kumbh Mela Feste statt, auch zu normalen Zeiten ist der Ort beliebtes Pilgerziel. Also fahre ich hin, zum Sangam. Denn der ist recht weit entfernt von der Stadt, so etwa 40 Minuten mit der Fahrradrikscha, also sicher eineinhalb Stunden zu Fuss. Motorrikschas gibt es hier kaum, allenfalls die grosse Variante mit zwei Baenken, die als Sammeltaxi und Linienbusersatz fungiert. Also Fahrradrikscha, gleich gemietet fuer einen halben Tag.

Wo heilige Wasser fließen, sind bunte Vögel nicht fern
Der besagte Zusammenfluss ist im Grunde auch nicht aufregender als das deutsche Eck, nur nicht so zugebaut. Im Gegenteil, rundherum ist kilometerweites Brachland, wo zum Kumbh Mela die Zelte aufgebaut werden. Jetzt gibt es nur einige Buden fuer die regelmaessig eintreffenden Pilgergruppen und ueberteuerte Bootsfahrten zum eigentlichen Zusammenfluss in der Flussmitte, wo Prister auf Plattformen gegen Geld Gebetsriten vollfuehren. Zu den absoluten Spitzenzeiten der Kumbh Mela sollen Boote wohl bis zu 1000 Rupien kosten, las ich. Mir wurde heute gleich eines fuer 1200 angeboten und ich warf mich weg vor Lachen. Am weitlaeufigen strand gab es auch erstmal genug zu sehen, allerlei Pilger gaben ein buntes Bild ab. Weiter ging es zum Tempel das Affengottes Hanuman. Der ist hier populaer und ungewoehnlicher Weise liegend dargestellt. Der Weg zum Hanuman-Tempel ist gesaeumt von Bettlern, besonders vielen Leprakranken. Vom liegenden Gott sieht man nicht viel, den der verschwindet unter einem Berg Blumengirlanden und staendig werden weitere drauf geworfen.

Der Ort des Zusammenflusses
Auf dem Rueckweg fallen mit im Vorbeifahren gleich vier Waffengeschaefte auf. In heiligen Orten braucht man vielleicht unheilige Hobbies zum Ausgleich, besorgniserregend. Den Rest des Tages streife ich ziellos durch die Altstadt, staune wieder ueber die volle Ladung Indien. Ein Passant moechte ein Autogramm von mir, er sprach wohl noch nie mit einem Auslaender. Sprechen ist auch uebertrieben, denn hier liegt ein Grundproblem fuer meine Forschungen zum naechsten Kumbh Mela: hier spricht so gut wie niemand Englisch. Selbst mit den Hotelangestellten und Rikschafahrern ist nur sehr eingeschraenkte Kommunikation moeglich. Ein Touristenort ist das hier auch eher nicht, ich sah bisher keinen einzigen. Dafuer gibt es wieder Tee fuer drei Rupien, ist doch schoen.

Dienstag, 13. März 2012

Und nochmal Delhi

Gleich am ersten Abend traf ich einen (quasi) Kollegen aus Köln und wir waren gezwungen, bis zur Sperrstunde in einer dubiosen Bar auszuharren. In der Folge habe ich am kommenden Tag erstmal den Hotelnamen beim Wort genommen - Relax. Viel stand eh nicht auf dem Programm und schließlich ist Urlaub.

Das Indisch-Englisch treibt manchmal schöne Blüten. Ein Ladenbesitzer wollte mich anlocken und wohl ausdrücken, dass sein Geschäft auch bei einheimischer Kundschaft sehr beliebt sei. Dazu bediente er sich der Formulierung: "You come... buy Indians here!" Auf meine Frage, was ich denn dann mit den gekauften Indern anfangen soll, wußte er auch keinen Rat und so ging ich ohne Geschäftsabschluss meiner Wege.

Delhi ist gefürchtet für die permante Belästigung durch Schlepper aller Art. Das scheint mir aber absolut nachgelassen zu haben, oder ich habe durch mehrere Indienaufenthalte mittlerweile eine Immunität entwickelt. Ich war am Bahnhof, um mir den umfangreichen Zugfahrplan "Trains at a glance" zu besorgen. Dort wird man normalerweise immer von irgendwelchen Schleppern aufgehalten, die einen in die Reisebüros der Umgebung zum überteuerten Ticketkauf überreden wollen. Der Schalter im Bahnhof sei zu, umgezogen usw. Ich hatte mich schon auf unterhaltsame Begegnungen dieser Art gefreut und eine ganze Weile vor dem Eingang herumgelungert - nichts, kein einziger Kundenfänger. Erstaunlich.

Den gestrigen Nachmittag habe ich komplett auf dem Gewürzmarkt zugebracht. Ich liebe diese Ecke, ein endloses Gewusel, duftende Gewürze, einfach ein Platz zum Sehen und Staunen.  Interessant auch die Fahrt in der völlig überfüllten Metro, die mit ihrem modernen Auftritt immer noch etwas fehl am Platze anmutet. Dort werden mittlerweile Sicherheitschecks durchgeführt, die jedem Flughafen Ehre machen würden. Hat man sich erst einmal durchgedrängelt und den Waggon geentert, ist das ganze durchaus schnell und effizient. Zwischenzeitlich wurde sogar die Strecke zum Flughafen fertig gestellt, immerhin deutlch schneller als die neue U-Bahn in Köln.

Mit Sack und Pack auf dem Gewürzmarkt
Ein heftiges Gewitter in der letzten Nacht offenbarte heute morgen Konstruktionsmängel auf der hoteleigenen Terrasse. Der Abfluss wurde versehntlich auf den höchsten Punkt des Bodens gelegt, was einen knöcheltiefen See auf der halben Terrasse zur Folge hatte. Frühstück mit Fußbad, nicht weiter schlimm. Ein Angestellter musste das dann mühsam Richtung Abfluss schrubben und danach sah ich den Balkon sauber wie nie zuvor. Jetzt müsste sich nur noch jemand erbarmen und den Taubendreck von den Tischen wischen. Weiß Vishnu, ob dies jemals geschehen wird.

So, dann wird nun das zweite Frühstück beendet und in Kürze startet mein Zug nach Allahabad.

Sonntag, 11. März 2012

Altes Delhi - neues Delhi

Die Reise hat begonnen. Über das Gesundheitsbewusstsein mancher Asiaten konnte ich schon am Frankfurter Flughafen dazu lernen. Eine Japanerin (?) verließ nach dem Konsum mehrerer Zigaretten den dafür vorgesehenen Räucherkabuff, nicht ohne sich zuvor vom akuraten Sitz des wieder angelegten Mundschutzes zu überzeugen. Droht dort draußen die Gefahr? Hilft das? Man weiß es nicht, aber man wünscht es der Dame.

Qatar Airways wurde 2011 zur besten Airline der Welt gekürt. Den Transporteur kann ich auch durchaus empfehlen, wobei die Servicequalität von Singapore Airlines (jetzt Platz 2) doch nicht erreicht wird. Indes kann ich von Doha - das ist die Hauptstadt von Katar - als Zwischenlandungsort nur abraten. Gar trist ist der dortige Flughafen, ein Duty-Free und ein Coffeshop buhlen um die Aufmerksamkeit des zwangsläufig gelangweilten Globetrotters. Außerdem gibt es noch einen Raucherraum von derart schäbiger Qualität, wie man es selten sieht, ich musste einen Aufenthalt dort verweigern. Da lobe ich mir doch die Nachbaremirate Dubai und Abu Dhabi, die wissen, wie Flghafen geht. Der Emir von Katar hat wohl ein Einsehen, noch dieses Jahr soll der neue Airport fertig werden, auch wenn es mir auf dem Rückflug leider nichts nutzt und ich dann wieder zwei Stunden Tristesse erdulden muss.

Mehr als pünktlich landete ich heute morgen bei gerade mal 12° in Delhi. Das hat sich bis Mittags dann aber auf 30° korrigiert, so gesehen alles gut. Auch gut: der neue Terminal am Flughafen von Delhi. Der alte Flughafen bedient nun nur noch Inlandsflüge, der neue ist mit Teppich ausgestattet und verfügt über ein Parkhaus nach europäischem Standard. Auch die Preise für's Parken sind fast wie daheim, kein Wunder, das der bestellte Pick-up nun etwas teurer zu Buche schlägt.

Neben den Äußerlichkeiten hat sich allerdings auch die Atmosphäre dort verändert. Wo ist die schreiende Menschenmasse, durch die man sich früher den Weg bahnen musste? Geblieben ist nur ein Häuflein diszipliniert da stehnder Abholer mit Namenschildern, brav aufgereiht an einem kleinen Zaun. Keine Gepäckträger, Taxifahrer, besten Freunde, Bettler und was sich da sonst so alles herumtrieb und müden Europäern direkt bei der Ankunft lehrte, wo hier Bartel den Most holt. Man könnte fast meinen, in der falschen Stadt gelandet zu sein.

Der Verkehr gebärdet sich heute recht mäßig, es ist Sonntag. Zügig erreiche ich mein Hotel und beziehe ein Zimmer mit gleich zwei Fenstern und den hier gewohnten steinharten Matratzen, von wegen Hotel Relax. Aus einem Fenster in die Seitengasse reiht sich Neu-Delhi in dieser Form aneinander: mein Teeverkäufer, daneben ein Milchladen, gefolgt von einer kleinen lärmenden Werkstatt für alles und nichts, ein öffentliches Urinal (welches ich bisher noch gar nicht bemerkt hatte, obwohl x mal durch diese Gasse gelaufen) und gleich daneben ein kleiner Tempel. Wundersames Indien, komprimiert auf ein paar Meter Gasse.

So schaut's aus unter meinem Fenster

2010 waren im Main Bazaar, der Hauptstraße durch die Touristengegend am Bahnhof Neu-Delhi, große Bauarbeiten im Gange. Die "Straße" aufgerissen, halbe Häuser wurden zerlegt, es sah aus wie nach einem Bombeneinschlag. Auch hier wurde aufpoliert für die später stattfindenen Asean Games, war zu erfahren. Das Ergebnis kann ich nun betrachten. Wir hatten da gewisse Befürchtungen, dass sich das Viertel in eine Hochglanz-Fußgängerzone verwandeln könnte, wie die Khao San Road in Bangkok. Aber das ist natürlich Quatsch, wir sind hier in Indien. Eigentlich sieht alles genauso aus wie vor der Renovierung. Der Straßenbelag ist neu und dennoch ein ziemliches Flickwerk, welches so nach und nach wieder unter Staub verschwindet. Die untere Hälfte der Straße, dem Bahnhof gegenüber, ist wohl verbreitert worden. Wie es aussieht, wurde der vordere Teil der Häuser einfach abgerissen und entsprechend wirken die Fassaden nun etwas zusammen geschustert. Nicht, dass dies groß auffallen würde, das passt nahtlos ins Straßenbild. Ein großes neues Hotel ist entstanden und ein Coffeshop mit Wifi (den ich gerade nutze), ansonsten: same-same, not different.

Eingang zum Main Bazaar
Der kleine kundige Mobilfunkladen existiert noch und dank guter Vorbereitung - Passkopie, ein Foto - bin ich binnen Minuten auch wieder Teilnehmer im indischen Mobilfunknetz. Das sorgt für preiswerte Kommunikation nach Hause und vor Ort. Auch sonst find eich alles vor wie gewohnt, ein bischen wie nach Hause kommen, hier war ich ja nun schön öfters. Entsprechend verläuft der Tag angenehm unaufgeregt, inklusive Mittagsschlaf und viel Herumgesitze ohne die Sorge, etwas zu verpassen. Sollte man im Hotel zwischenzeitlich die noch fehlenden Handtücher gefunden haben, freue ich mich jetzt auf eine Dusche.

Einfach mal relaxen