Montag, 18. Juni 2012

Hölle auf Erden

Anlässlich einer Veranstaltung und Ausstellung zum Thema Slums, organisiert von der Jungen Akademie für Zukunftsfragen in Hamburg, beteiligte ich mich mit einigen Fotos und zwei Artikeln. Neben einem Text über Dharavi, der sich ähnlich schon hier in den Reiseberichten aus Indien findet, schrieb ich unter dem Titel "Hölle auf Erden" folgenden Beitrag über Erfahrungen beim Besuch in Phnom Penh, Kambodscha (2008):

Die Hauptstadt Kambodschas ist relativ klein und beschaulich, vergleicht man sie mit anderen Metropolen Asiens. Es ist die Hauptstadt eines armen Landes, das noch entfernt ist von „stabilen Verhältnissen“. In den Siebzigern brachte das Terrorregime der Khmer Rouge einen nicht geringen Teil der eigenen Bevölkerung um, zuvor wurden im Vietnamkrieg ganze Landstriche weggebombt. Diese Wunden lasten bis heute auf der Nation. 

Nach Kambodscha kommt man vor allem wegen der Tempel von Angkor, faszinierende Zeugnisse einer Hochkultur und eines der bedeutendsten Baudenkmäler Asiens. Phnom Penh ist oft nur Durchgangsstation und bietet wenige Sehenswürdigkeiten, sieht man von Einblicken in die Zeiten des Schreckens ab. Ein Foltergefängnis ist heute Museum, die „Killing Fields“ am Stadtrand sind Gedenkstätte mit einem Mahnmal, gebaut aus tausenden Schädeln der einst in Massengräbern verscharrten.

Offenen Augen zeigen sich in der entspannt wirkenden Stadt aber auch die kleinen Höllen des heutigen Lebens. Phnom Penh ist eine der Drehscheiben für Menschenhandel und Kinderprostitution, befördert von Armut und Korruption. In einem der Straßencafés verderben mir zwei Franzosen im gesetzten Alter, die mit ihren augenscheinlich minderjährigen Begleiterinnen ein paar Tische weiter sitzen, den Appetit. Tausende Straßenkinder leben in Phnom Penh, sammeln Müll, betteln, schnüffeln Klebstoff, der das Leben erträglicher machen soll. Gleich bei meinem ersten Abendessen an der Uferstraße des Mekong starren mir eine Handvoll von ihnen hungrig das Essen förmlich vom Teller. Das habe ich so unerträglich noch nicht einmal in Indien erlebt. Das europäische Gewissen veranlasst mich, für die Hungernden noch eine Portion der gebratenen Nudeln kommen zu lassen, was fast eine Prügelei unter den Kindern auslöst. Die Stärkeren essen, hilflose Hilfe.


Hilfe gedeiht im Kleinen. Ich besuche ein Projekt, in dem ehemalige Straßenkinder wohnen und eine umfassende Schulbildung erhalten. Sie lernen Französisch, Englisch und Japanisch, was die Chancen auf einen Job im wachsenden Tourismussektor erhöht. Einige der heutigen Lehrer kamen früher selbst von der Straße hierher. Ein unglaublich engagierter Gründer des Projekts und viele Spender, vor allem aus dem Ausland, ermöglichen die Arbeit, für die sich der Staat weniger verantwortlich sieht.

Einer der Jungen im Projekt ist Mech, der heute sechzehn ist und einer der wissbegierigsten Schüler. Bevor er das Glück hatte, im Kinderheim aufgenommen zu werden und gute Chancen für die Zukunft zu bekommen, lebte Mech etliche Jahre auf der Straße und auf den Smokey Mountains. Die „rauchenden Berge“, das ist in Phnom Penh die umgangssprachliche Bezeichnung für die riesige Mülldeponie am Stadtrand. Dort fahre ich hin mit dem Jungen.


Per Autorikscha erreichen wir die Vororte der Stadt. In den Gassen sind zunehmend Betriebe zu sehen, die Plastik, Glas, Papier und Metalle recyceln. Der „grüne Punkt“ heißt hier Handarbeit in Hinterhöfen. Und die Rohstoffe kommen von dem Berg, den wir kurz darauf erreichen, ein Müllhaufen  unvorstellbaren Ausmaßes. Am Fuße des Berges ein See, fast schwarz, abgestorbene Bäume in der vergifteten Brühe und eine Ansammlung von windschiefen Wellblechhütten. Hier leben einige hundert Familien, die gemeinsam mit zahlreichen Straßenkindern vom und auf dem Müllberg leben. Eine fest gestampfte „Straße“, mit Metallplatten stabilisiert, führt auf den Berg. Lastwagen liefern hier rund um die Uhr den Unrat der Hauptstadt an und sorgen für ein stetiges Wachsen des Berges.


Ein Riesenmüllhaufen bei 35°, man kann sich den Gestank kaum vorstellen. In der Luft liegt außerdem ein beißender Qualm, denn der Berg brennt und schwelt an vielen Stellen, das gab ihm seinen Namen. Mitten in diesem Inferno hunderte von Menschen, ausgerüstet mit Metallhaken und Plastiksäcken sammeln sie alles verwertbare auf dem Müll. Die Säcke mit Plastik, Metall und allem, was wiederverwertbar ist, landen dann in den Recyclingbetrieben. Tag und Nacht, bei Dunkelheit mit Scheinwerfern, wird hier Müll gesammelt, 12 Stunden, 14 Stunden für einen US$. Das reicht zum Überleben im Slum, mehr nicht, dafür arbeiten hier Kinder, Männer, Frauen.


Was mich irritiert ist die Normalität des Lebens hier im Müll. Es gibt fliegende Händler, die Snacks verkaufen, ein paar Jugendliche spielen Fußball und in behelfsmäßigen Unterständen wird Essen gekocht. Man lebt, man arbeitet und niemand klagt. Das ist aber nicht nur auf Duldsamkeit und Fatalismus zurückzuführen, ich bin erstaunt über die Selbstverständlichkeit und ich glaube sogar den Stolz, mit dem hier gelebt wird. Die Menschen sind offen und aufgeschlossen gegenüber mir als exotischen Besucher, viele Ausländer dürften sich hierher nicht verirren.


Das soll die Szene nicht beschönigen. Ich erlebe die Zeit auf dem Müllberg fast wie im Trance. Bei jedem Schritt aufpassen, der organische Untergrund birgt zahlreiche Verletzungsgefahren. Der Gestank, die unglaublichen Eindrücke, das zerrt an allen Sinnen. Mir brennen die Augen und die Kehle, dieser Rauch ist unerträglich, schon nach einer Stunde. Schnell ist klar, wer hier den ganzen Tag schuftet, wird nicht alt. Eine Hölle auf Erden, würdiges Leben in unter menschenunwürdigen Lebensbedingungen. Weniges, das ich auf Reisen sah, hat mich ähnlich nachhaltig beeindruckt und mir einmal mehr vor Augen geführt, mit welchem verdammten Glück ich zufällig im übersatten Europa geboren wurde.



Sonntag, 17. Juni 2012

Myanmar

Myanmar ist nun in aller Munde, spätestens seit Aung San Suu Khi gerade Europa bereist. Das nehme ich mal zum Anlass, auch ein paar Zeilen über dieses faszinierende Land zu schreiben.

Die Berichterstattung der letzten Zeit hat schnell von "schwarz" auf "weiß" umgeschaltet, auf einmal schien alles gut im größten Land Südostasiens. Das ist es natürlich nicht, aber der Weg ist denke ich richtig und die neue Freiheit wird so einfach nicht rückgängig zu machen sein.

Obwohl, sicher kann man wahrscheinlich nicht sein, das Regime war lange völlig unberechenbar. Die Auskunft eines Wahrsagers ließ die Herrschenden von heute auf morgen den Linksverkehr einführen, eher eine Annekdote. Angst vor einer bevorstehenden Invasion (oder was auch immer) ließen eine Retortenstadt im Dschungel als neue Hauptstadt entstehen, dort war die Regierung nach dem Umzug zeitweise nicht einmal telefonisch zu erreichen. 2008 wurde die von Mönchen initiierte Massendemonstraton für Demokratie blutig niedergeschlagen, unfassbar. Ich hätte nicht gedacht, dass man gegen Mönche in dieser Härte vorgeht, die Robenträger gelten im ganzen Land als absolute Respektpersonen und sind unantastbar.


Nun ist die Ikone der Demokratiebewegung aus dem Hausarrest entlassen und in ein neues Parlament gewählt. Die Machthaber tauschten Uniform gegen Zivilanzug und der Westen nähert sich wieder an. Das alles ist gut, aber auch natürlich noch viel alter Wein in den neuen Schläuchen.

Zuletzt war ich 2006 im Myanmar. Damals stellte sich natürlich die Frage: Reisen in Diktaturen, darf man das? Natürlich profitieren die Mächtigen davon, unvermeidbar, aber nicht ausschließlich. Ich habe mich dafür entschieden und bin vielen Menschen begegnet, die Tourismus auch damals schon befürwortet haben, die nach Austausch und Kontakt zur Welt geradezu lechzten. Ein Teil meiner Dollar floß in die Taschen von Militärs, Reichen und natürlich ausländischen Investoren, vor allem die Chinesen machten schon lange gute Geschäfte dort. Das machen sie heute genauso und der heutige Reisende füllt natürlich ebenso die Schatullen derer, die Jahrzente das Land ausplünderten und Besitz anhäuften. Genauso wie vor Jahren profitieren aber ebenso viele "kleine Leute", die jedes Einkommen bitter nötig haben. Myanmar ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt.

Bagan bei Sonnenaufgang
Mich hat Myanmar schwer beeindruckt, die Reisen dort hin gehören zu den unvergesslichen. Ich erinnere mich an etliche Augenblicke, die immer noch einen Gänsehautfaktor haben: alleine zum Sonnenaufgang auf einer Pagode in Bagan sitzen und zusehen, wie sich Himmel orange färbt und hunderte von Tempeln aus dem Nebel auftauchen... Im Ruderboot lautlos über die Kanäle am Inle See gleiten und Stupas im Abendlicht spiegeln sich im Wasser, das glatt wie eine Eisfläche da liegt... Sonnenauf- und untergänge in der unvergleichlichen Shwedagon-Pagode, umgeben von meditierenden Mönchen und leisem Klang hundeter Glöckchen...
Momente der Stille und des Glücks.

Shwedagon-Pagode in Yangon
In kaum einem Land habe ich eine ähnliche Gastfreundlichkeit und eine solch tiefe Religiosität erlebt. Vieles wird improvisiert, die Infrastruktur ist oft grottig, aber alles funktioniert irgendwie. Keine (fast obligatorische) Panne bei Verkehrsmitteln bringt aus der Ruhe, man hilft sich. Jeder Tag bringt neue Begegnungen, neue Erlebnisse, neue Unvorhersehbarkeiten - eben das, was Reisen ausmacht. Die Kulisse mit schönen Landschaften und den Tempeln des "goldenen Landes" könnte besser nicht sein.

Inle-See
Mit dem politischen Aufbruch steigen gerade die Preise, Tourismus ist nun wieder "korrekt" und soll zum richtigen Wirtschaftszweig ausgebaut werden. Potential dafür gibt es genug. Ich würde jederzeit wieder hin fahren und kann das auch nur empfehlen. Dem Land und seinen Menschen fühle ich mich nun seit einigen Jahren weiter verbunden und unterstütze einige durch Mitarbeit im Verein Myanmar Kinderhilfe, auch hier sei ein Besuch empfohlen.