Samstag, 27. Januar 2018

Land der goldenen Pagoden

Ende Februar möchte ich nach längerer Abstinenz noch einmal in ein Land, das mich besonders begeistert hat: Myanmar. Seit 2006 hat sich hier Vieles verändert. Demokratisierung, Touristenboom, Preisexplosion und Modernisierung erfolgten in den letzten Jahren. Inzwischen gibt es eVisa, Geldautomaten und Mobiltelefone, bei meiner letzten Reise dort noch undenkbar.

Da ich nur zwei Wochen Zeit habe, werde ich mich wohl auf einige wenige Orte im Irrawaddy-Delta beschränken. Einige Tage in der ehemaligen Hauptstadt und Metropole Yangon (Rangoon) sind auf jeden Fall eingeplant, außerdem die Hauptstadt des Deltas, Pathein, ein paar Tage am Meer in Ngwe Saung (Silver Beach) und ein Abstecher ins ländliche Twante. Mit Bus und Boot sollte das alles gut und mit Muße machbar sein.

Myanmar ist das größte Land Südostasiens
Das Irrawaddy-Delta im Südwesten

Das eVisum habe ich erhalten, das ging sehr unkompliziert und fix in einem Tag. Druckfrische US-Dollar, die man nach wie vor benötigt, sind auch bereits beschafft. Über Bangkok erfolgt die Anreise, dort werde ich anschließend auch mal wieder ein, zwei Tage zubringen, das geht immer.

Ich bin schon gespannt, welchen Eindruck das stark gewandelte Land hinterlassen wird. Der Charme seinerzeit lag besonders in der freundlichen Bevölkerung und der überall gelebten Religiosität, beides ist hoffe ich doch weiterhin anzutreffen.

Die Shwedagon-Pagode in Yangon...
... gehört zu den eindrucksvollsten Bauwerken des Landes
Anfang März findet in Yangon das Shwedagon Pagoda Festival statt, zu dem wohl Scharen Pilger zu erwarten sind. Das will ich naürlich auch mitbekommen. Die ohnehin beeindruckende Tempelanlage lässt sich so vielleicht noch einal ganz anders erleben.

Mönchsbedarf ist vielerorten erhältlich
Inzwischen gibt es in vielen Unterkünften Wifi, allerdings wohl von höchst bescheidener Qualität. Der Strom fällt auch nach wie vor des öfteren aus oder ist nur zeitweise verfügbar, ob zwischenzeitliche Berichte hier möglich sind, bleibt abzuwarten.

Sonntag, 10. Dezember 2017

Samstag, 2. Dezember 2017

Taubenflüsterer

Nun also mal wieder Delhi. Da seitens des bewährten Hotels Relax keine Antwort kam (es existiert aber noch, wie ich mich vor Ort vergewisserte), mietete ich mich im Metropolis ein. Das kenne ich schon länger wegen seines Dachrestaurants, Lage ist auch in Ordnung. Das Zimmer ist eine echte Überraschung: sauber, modern, perfekt. Ein weiches Bett nach den bisherigen Holzbrettern, alle (!) Lampen funktionieren, statt Neonröhren dezente indirekte Beleuchtung (!), eigener Balkon und ein Kühlschrank. Good value for the money, muss ich sagen. Die Preisklasse ist durchaus noch überschaubar für das Gebotene, welches man dem Äußeren und den Treppenhaus nicht unbedingt ansieht.

Das Viertel Pahar Ganj ist wie es ist, der betriebsame Main Bazar eben mit seinen zahllosen Händlern, Bettlern, Schleppern und Touristen. Neu sind die bemerkenswerte Anzahl russischer Reisender, gerne an hochhackigen Schuhen zu erkennen, genau die richtige Wahl für die hiesigen Straßenverhältnisse. Wahrscheinlich wird "Israeli Food" auf den Speisekarten bald von Hähnchen Kiew verdrängt, was soll's. Auch neu sind E-Rikschas. Für die Umwelt wahrscheinlich ganz vorteilhaft, der Smog in Delhi ist gerade auf einem Höchststand und die Luft kann man schneiden, aber weniger atmen. Nachteilig ist, das einen die Dinger schon über den Haufen gefahren haben, bevor man sie überhaupt bemerkt. Sonst ist hier alles beim Alten, mehr oder weniger, man fühlt sich gleich wieder heimisch.

Der für mich zuständige Chai-Wallah
Der Nussröster unter meinem Balkon sorgt für Duft
Göttliches Gemüse
Saftladen (mit Vorsicht zu behandeln)
Beim Lampenmann


Ich unternehme einen geführten Spaziergang von Salaam Baalak Trust, einer Organisation, die sich um Straßenkinder kümmert. Die gibt es im Umfeld des Bahnhofes zahlreich. Seit 10 Jahren veranstaltet man Führungen, bei denen ehemalige Straßenkinder nun ehrenamtlich aus ihrem Leben erzählen und im Viertel einiges zeigen, was zum Alltag der Kids auf der Straße gehört. Die Gassen, die wir besuchen kenne ich zwar schon, auf der Standard-Touristenrunde liegen sie aber nicht gerade. Was unserer Guide und die erstmals tätige "Auszubildende" erzählen, ist auf Hintergrund ihrer persönlichen Erfahrungen interessant. Selbst wenn ich vieles schon wusste, das war ein absolut lohnender Einblick in eine der Schattenseiten indischer Großstädte. Natürlich lasse ich hier gerne ein wenig Geld, um die Arbeit zu unterstützen.

Bei der Straßenkinderführung

Was immer auf dem Programm steht in Delhi ist der Gewürzmarkt. Das ganze Viertel in Alt Delhi ist sowieso einen Besuch wert und ich muss einige Gewürzvorräte wieder auffüllen. Zum ersten Mal finde ich auch den Treppenaufgang in die obere Etage und auf die Dächer des alten Marktes, von wo sich ein netter Ausblick eröffnet. Vom Gewürzmarkt geht es zur weltbesten Lassi-Bude und dann weiter durch die engen Gassen des muslimischen Viertels zur großen Freitagsmoschee. Da war ich auch schon länger nicht mehr und schaue mal kurz rein.

Gut informiert sein ...
... ist immer von Vorteil
Lustige Kopfbedeckungen auch
Beim Frühstück stören Kühe nicht
Modebewusster Träger am Gewürzmarkt
Chiligroßhändler
Delhis alter Gewürzmarkt
Wer hat's erfunden? Die Inder!
Freitagsmoschee Jama Masjid


Vom meinem Balkon aus kann ich auf einem Dach um die Ecke Inder bei der Ausübung eines hierzulande populären Zeitvertreibs beobachten: gezüchtete Tauben werden, mit Fahnen und Rufen dirigiert, in Formationen über das Viertel fliegen gelassen. Leider scheitert der Versuch, irgendwie auf dieses Dach zu kommen und das ganze hautnah anzusehen, es bleibt nur die Beobachtung aus der Ferne.

Taubenflüsterer bei der Arbeit

Da die Internetverbindung gerade Schneckentempo anschlägt, wurden Fotos inzwischen noch ergänzt. Ich warte nun auf den Transport zum Flughafen und zügig geht es wieder heimwärts. Zwei Wochen vergehen im Handumdrehen, Wiederkehr nach Indien ist auch dieses mal nicht ausgeschlossen.

Donnerstag, 30. November 2017

Gülden

Was alle Pilger und die meisten Touristen nach Amritasar zieht, ist der Goldene Tempel, das zentrale Heiligtum der Sikhs. Indien ist seit Alters her ein bedeutender Produzent von Religionen, dazu gehört auch dieser im 15. Jahrhundert im Bundesstaat Punjab gegründete Glaube. Immerhin gibt es weltweit über 25 Millionen Anhänger, eine gewisse Bedeutung kommt dem Sikhismus also durchaus zu. Inhaltlich ist diese Religion auch nicht uninteressant, näheres kann unter dem obigen Link weiter dazu gelesen werden.

Früh Morgens zeigt sich Amritsar nebelig

Meist geben sich Sikhs weltoffen und sehr tolerant, was ich bei Besuchen anderer Tempel, Gurdwaras genannt, auch schon erleben durfte. Nicht anders ist es im Goldenen Tempel, wo man als Besucher immer willkommen ist, auch zu den kostenlosen Mahlzeiten die hier gereicht werden. Diese sind nicht mit einer Armenspeisung zu verwechseln, sondern werden von Freiwilligen als Dienst am Gemeinwohl zubereitet, gemeinsames Essen gehört zum Tempelbesuch einfach dazu.

Recht frisch ist es vor Sonnenaufgang außerdem
Typischer Turban

Traditionelle Sikhs sind leicht zu erkennen an den besonderen Turbanen, Haare werden nicht geschnitten und müssen bedeckt sein. Die Farbe spielt übrigens keine Rolle, sondern folgt alleine modischen Aspekten, erfahre ich auch Nachfrage. Dazu kommen weitere Kennzeichen wie ein eiserner Armreif, ein Dolch oder Schwert (fällt im Alltag oft eher weg) und ein hölzerner Kamm, die meist bei sich getragen werden.

Wehrhafte Wächter sorgen für Ordnung
Pilger am Ziel der Reise


Zentrales Moment des Sikhismus ist "das Buch", die gesammelten Werke der bisherigen Gurus (Lehrmeister der Religion), das Guru Granth Sahib. Das echte vollständige Buch wird im Goldenen Tempel aufbewahrt und unter musikalischer Begleitung werden rund um die Uhr die Texte rezitiert, die die Glaubensgrundsätze der Sikhs bilden. Der besinnliche Singsang ist jederzeit der Hintergrund bei einem Tempelbesuch und trägt nicht unerheblich zur Atmosphäre bei.

Rund um die Uhr ist Betrieb
Nachts hat die Anlage auch ihren Reiz

Ich besuche den Tempel zu diversen Tages- und Nachtzeiten, Betrieb ist hier immer. Pilger stehen Schlange für einen Blick auf das heilige Buch im Inneren des Schreins, umkreisen den großen zentralen Teich und baden dort auch teilweise. Im Teich leben übrigens zu meiner Überraschung ziemlich viele große und schöne Koi-Karpfen.

Doch, den Goldenen Tempel mal gesehen und erlebt zu haben, lohnt, finde ich. Viel mehr gibt es aus der Altstadt von Amritsar nicht zu berichten, nett war es hier.

Hier wurde ich von netten Leuten in einer Gasse zum Tee eingeladen
Rastende Pilger

Dienstag, 28. November 2017

The Good, the Bad & the Ugly

Meine Erlebnisse in Varanasi waren nun überschaubar und Fotos habe ich auch nicht viele gemacht, allerdings habe ich auch schon viele aus der Stadt. Tage der Genesung er Erholung, warum nicht.

Mit dem Sonnenaufgang kommen die Krähen
Alles wartete auf die Sonne
Ein Tee beim Baba ist immer ein guter Start in den Tag. Angebotene Rauchwaren lehne ich ab.

Planmäßig geht es dann des morgens weiter nach Delhi, wo ich erst einmal ein paar Stunden am Flughafen totschlagen muss. Ich miete mich in eine super relaxing luxury lounge ein für zwei Stunden. Da gibt es was zu Essen, Kaffee, in die Jahre gekommene Gebrauchtmöbel und einen Internetzugang. Genug, um sich eine Weile zu beschäftigen.

Der Böse war heute der Sicherheitsmann am Flughafen Varanasi. Das man mittlerweile Dies und Denes auspacken und dann wieder alles neu durch die Röntgenmaschine schicken muss, ist schon fast Gewohnheit, es wird immer schlimmer. Allmählich muss jedes Kabel einzeln durchleuchtet werden. Was hier erstmals moniert wird, ist die Schere in meinem SwissTool. Eine winzige Schere. So eine, wie sie auch an Taschenmessern dran ist. Wenn bitte soll man damit bedrohen, außer einem Stück Papier oder einem Fingernagel? Egal, keine Diskussion, Schere ist Schere. Also konfisziert, da hilft auch kein Nörgeln beim Vorgesetzten. Diskussionen gibt es dann nach x-maliger sorgfältiger Prüfung meiner Kulturtasche dann auch noch über die dort aufbewahrte Nähnadel. Ich werfe mich bald weg vor Lachen und biete an, falls gewünscht, diese Nadel gern dem Meister der Kontolle zum Geschenk zu machen. Will er dann doch nicht.

Angekommen in Amristar ist es schon dunkel. Hier wirkt alles schwer entspannt, der Flughafen ist offenbar einer der gemütlichen Sorte. Am Ausgang bestürmen einen nicht einmal Taxischlepper. Brav stehen dort etliche Menschen mit Schildern, um Ankommende abzuholen. So war es auch mit meinem Hotel vereinbart, aber ein entsprechendes Schild ist nicht vorhanden. Es ist noch früh, also mal abwarten. Eine ganze Weile später sind alle weg und es wird klar, das gibt hier nichts. Im allgemeinen ist man da sehr zuverlässig in Indien. Lässt man sich für jede beliebige Zeit ein Taxi zur Abholung rufen, steht das auch nachts eher eine Viertelstunde zu früh vor der Tür. Hier hat man mich wohl vergessen, auch das passiert. Da ich keine funktionierende Telefonnummer vom Hotel habe, kaufe ich ein Prepaid-Taxi. Ich habe eine vage Idee, wo sich mein Hotel befindet, einen Steinwurf vom Goldenen Tempel entfernt. Allerdings muss man wissen, ich welche Richtung der Stein geworfen werden soll. Der ganze Bereich um den Goldenen Tempel ist für Autos gesperrt, der Mann am Taxischalter malt mir aber eine grobe Wegbeschreibung auf.

Der Häßliche des heutigen Tages ist der Taxifahrer. Nicht äußerlich, aber er gehört zu den Dauerhupern und rast mit Vollgas im Slalom der Stadt entgegen. Überflüssige Features wie Kopfstützen und Sicherheitsgurte wurden auch vorsorglich aus dem Fahrzeug entfernt. Ich bin gewiss nicht zart besaitet, aber irgendwann ist es zu viel. Ich werfe ein, dass ich lieber geringfügig später, dafür aber lebend anzukommen gedenke. Das ändert wenig. Statt eines Trinkgeldes gebe ich dem Mann den gutgemeinten, für ihn allerdings vollständig unverständlichen, Rat mit, seinen Fahrstil unter Umständen zu überdenken.

Zu Fuß geht es weiter bis zum Goldenen Tempel und kurz vorher in das Gassengewirr abbiegend. Nach ein paar Fragen ist der richtige Weg recht unkompliziert gefunden und ich lande im richtigen Hotel. Dieses ist größer als erwartet, eine viergeschossige Pilgerherberge rund um einen großen Innenhof. Die versäumte Abholung wird wortreich entschuldigt und die Taxikosten zieht man großzügig vom Zimmerpreis ab, das habe ich auch noch nicht erlebt. Der Bilderbuch-Sikh an der Rezeption, komplett mit Rauschebart und Turban, ist der Gute, gleich von Anfang an. Nach dem Check-In gehe ich schnell noch das nötigste einkaufen in den Tante-Emma Läden ein paar Schritte weiter (wahrscheinlich heißen die hier eher Onkel-Singh Läden, keine Ahnung). Zigaretten gibt es keine. Aber nicht nur in diesem Laden, sondern nirgendwo in der Gegend. Über quasi die gesamte Altstadt im Umkreis mehrerer Kilometer vom Goldenen Tempel wurde mit Rauchverbot belegt, was den Verkauf gleich mit einschließt. Auf dem Gelände des Tempels, klar, das ist selbstverständlich, aber überall? Erstaunlich. Alkohol gibt es natürlich ebenso wenig, was mich aber nicht stört.

Ich frage den Guten, was zu tun sei. Kein Problem, dafür sei die Klingel in meinem Zimmer. Einfach betätigen und der Etagen-Boy besorgt, was man braucht. Zigarettenbesorgung sei nach kurzer Fahrradfahrt kein Thema. Ach ja: "You can smoke in the room, no problem." Ich liebe lösungsorientierte Menschen an Rezeptionen (obwohl man eigentlich aufhören sollte zu Rauchen, es wird immer komplizierter). Ich liebe auch den Service eines Etagen-Boys. Das lässt auf gehobenen Standard schließen, was allerdings keineswegs auf die Herberge zutrifft. Gemeinhin würde man es angesichts des Levels von Komfort und Sauberkeit sicher eher als Absteige klassifizieren, nach indischen Maßstäben ist aber alles in Ordnung. Nette Leute sind es die halbe Miete und die Lage (Steinwurf, s.o.) ist für meine Vorhaben ideal.

Heute spaziere ich durch die Gassen um den Tempel, teilweise gibt es gar breite und gepflegte Fußgängerzonen. Wo sieht man das schon in Indien? Alles wirkt hier sowieso gut aufgeräumt und die Leute sind im allgemeinen höflich und wenig aufdringlich. Ich bekomme langsam Probleme mit dem Kleingeldbestand, da Geldautomaten fast nur 2000er auswerfen, die niemand wechseln kann oder will. Also wage ich ein Experiment und suche eine Bank auf. Ich rechne mit allerlei Ausreden oder bestenfalls enormen bürokratischen Hürden angesichts der Idee, hier große in kleine Scheine zu wechseln. Statt dessen verweist der schwer bewaffnete Turbanträger, der die Einlasskontrolle vornimmt, an den Kassenschalter und ruft dem dort Tätigen irgend etwas zu. Meine beiden 2000er liegen noch nicht ganz auf dem Tresen, da erscheint schon ein dicker Packen 100er in der Hand des Bankmitarbeiters und in sekundenschnelle sind 40 Stück mit der Maschine abgezählt, nochmal gecheckt und ausgehändigt. Ohne jedes Formular, nach einer Minute bin ich wieder draußen mit einem Packen Kleingeld. Man wird doch immer wieder überrascht in Indien.

Mahnmal im Park Jallianwala Bagh

Unweit der Bank findet sich die schmale Gasse, die als einziger Zugang zu einem kleinen, rundum von Häusern umgebenen Park führt, dem Jallianwala Bagh. 1919 war dieser Park Schauplatz des schlimmsten Massakers der Kolonialzeit, bei dem britische Soldaten wahllos in die dort versammelte friedlich protestierende Menge schossen und Hunderte töteten. Heute ist eine Gedenkstätte eingerichtet und Teile der damaligen von Einschüssen durchlöcherten Mauern sind noch vorhanden.

Ansonsten dreht sich in Amritsar alles um den Goldenen Tempel, wo ich heute ebenfalls schon einmal vorbei schaue, dazu aber später mehr. Auf die alle paar Meter angebotenen Fahrten zur Pakistanischen Grenze mit der abendlichen Grenzschließungszeremonie, wohl eine "must do" für Touristen, werde ich denke ich verzichten und mich auf die Tempelgegend auch morgen konzentrieren.

Sonntag, 26. November 2017

Fluch und Segen

Nun hänge ich einige Tage hinterher und hole ein wenig nach.

Zunächst noch einmal Kolkata. Nachts um drei sitze ich eine Stunde auf dem Balkon (Jetlag? Keine Ahnung) und stelle fest: die Stadt kann auch leise, mucksmäuschenstill geradezu. Zu den miesten Tageszeiten ist das undenkbar, denn es gilt: nur wer hupt, ist anwesend. Neben den dosierten Hupenden gibt es die Viel- und die Dauerhuper, letztere sind die Mehrzahl. Fortbewegung insgesamt scheint den Inder eher zu stressen, unvorstellbar, einmal nicht der erste zu sein.

Wer mit wenig resit, muss öfter waschen. Trocknen geht fix auf dem Balkon.

Wohl kaum sonstwo sorgt eine derart breite Palette von Transportmitteln für ein meist zähes Vorankommen: neben Lastwagen, Autos, Motorrädern und Karren aller Art buhlen um die Nutzer öffentlichen Nahverkehrs zahllose Busse, Taxis, Motor-, Fahrrad- und handgezogene Rikschas, Fährboote, eine U-Bahn und einige Straßenbahnlinien. Ein Fährboot nehme ich, lande allerdings nicht ganz dort, wo ich mir ausgerechnet hatte (das System ist auf nicht sprachkundige weniger ausgerichtet). Egal, dafür erwische ich dann einen Bus zum richtigen Ziel, allerdings völlig zufällig. Denn auch das Bussystem ist eher etwas für eingeweihte, nur nach ausgiebigem Studium zu überblicken. Einfacher die Metro, schnell und bequem durchquert man damit die Stadt, um zum Beispiel den Kali-Tempel zu erreichen. Schneller als auf jeder Straße und zu einem unschlagbaren Preis, manch schlitzohriger Taxifahrer verlangt das 50-fache. Später rattere ich mit der Straßenbahn, einem gefühlt jahrhunderte alten Blechhaufen, in kaum mher als Schritttempo - in die falsche Richtung. Das lässt einen neuen Teil der Stadt sehen, der allerdings außer viel Verkehr nichts aufregendes zu bieten vermag, also das ganze entspannt wieder retour.

Laufrikschas dienen als Nahverkehrsmittel rund um die Märkte
Hühner werden gebündelt transportiert
Von Ladebeschränkungen hält man im allgemeinen nicht viel

Da ich meist früh morgens schon unterwegs bin, kann ich nur einmal das Frühstück im Fairlawn genießen. Volles englisches Frühstück, der Kaffee frisch in Porzellankannen aufgebrüht und diese mit altmodischen Kaffeewärmern versehen, großartig. Dazu der übliche Personaleinsatz: Einer bedient, ein halbes Duzend stehen oder sitzen rum oder debattieren irgend etws, Einer fegt beständig Staub von A nach B, als wurde sich dieser allmählich auflösen, wenn man ihn nur oft genug hin und her fegt.

Indian Coffeehouse

In der Stadt besuche ich noch etliche bereits bekannte Orte, unter anderem den immer wieder sehenswerten Blumenmarkt an der Howrah-Brücke, die College-Street mit ihren Buchhändlern und dem Indian Coffeehouse, einer echten Institution. Ein wenig scheint in Kolkata die Zeit still zu stehen und gleichzeitg an der Substanz zu nagen. Die vielen alten Gebäude wirken geradezu organisch, als würde sich Stein langsam in eine lebende, sich selbst verzehrende Masse verwandeln. Halb verfallen und von Grün überwuchert kommen so manche oberen Stockwerke daher. Irgenwie mag ich die Stadt, weil sie sich gibt wie sie ist, ungeschminkt indisch.

Frühstücksverkäufer am Kali Tempel
Blumenketten rangieren unter den Opfergaben weit oben
Brücke zum Blumenmarkt
Gleich hinter dem Markt: wohnen an den Bahngleisen

Als ich letztes Mal nach Varanasi fuhr, ereilte mich tags zuvor eine Magenverstimmung in Allahabad. Man rate, was dieses mal passierte. Exakt vor der Weiterreise nach Varanasi erwischt mich die von Übelkeit begleitete Magen-Darm Geschichte, die man hier gerne als "Delhi Belly" bezeichnet. Das kann einem schon die Laune verderben und setzt mich zwei Tage außer Gefecht. Ob's am Fluch der sehr hartnäckigen Bettlerin in Kalighat liegt, die ich abblitzen ließ? Ich bin sicher, Varanasi hat keine Schuld. Nächstes mal sollte ich ohne Umwege direkt dorthin reisen, in meine Lieblingsstadt in Indien.

Früh morgens fliege ich also nach Varanasi und vom neuen Flughafen braucht es fast eine Stunde in die chaotische Stadt. Die Altstadt kann von Autos nicht befahren werden, daher lasse ich mich am Endpunkt der Taxifahrt vom Guesthouse abholen. Eine Viertelstunde kreuz und quer durch das Gassenlabyrinth, das hätte ich niemals gefunden. Die teilweise kaum einen Meter breiten Gassen sind auch auf keinem Stadtplan, geschweige denn Google Maps, verzeichnet. Da das bewährte Ganpati House, wo ich bisher wohnte, leider mittlerweile auf Portalen wie tripadvisor völlig gehypt wird (zurcht, muss man sagen), ist es leider immer ausgebucht. Die gewählte Alternative, das Marigold Guesthouse, liegt auch nur einen Steinwurf vom Fluss entfernt (auch wenn man davon zunächst nichts sieht), ist aber von der Stadtseite her quasi unauffindbar.

Die nächsten zwei Tage sehe ich überwiegend meine Zimmerdecke (rosa, lila Trägerbalken, blauer Ventilator, eigenlich hübsch) sowie die schmalen Gassen von meinem mehr oder weniger affensicher vergittertem Balkon. Ohne Gitter könnte ich fast mit ausgestrecktem Arm Leckereien aus dem Wok hinter dem Fenster gegenüber angeln, die gut riechen, aber feste Nahrung ist momentan nicht willkommen. Selten habe ich so viel geschlafen. Angesichts eines zwar sehr großen Bettes, das aber den Komfort einer Holzplatte aufweist, lässt das schon auf eine gewisse Ermattung schließen.

Sehen wir es positiv, zumindest kann ich stets damit angeben, in der heiligsten Stadt der Hindus streng gefastet zu haben. Wenn uach unfreiwillig. Eine nette und yogaaffine Italienerin aus dem Nachbarzimmer schenkt mit eine Fläschen mit irgendeinem Bio Irgendwaskernextrakt, das sei, wie sie mehrfach betont "very powerful" und erledige alle Bakterien atomwaffengleich (gut, das waren nicht exakt ihre Worte). Sehr nett, ausprobieen schadet ja nicht. Und tatsächlich, es scheint zu helfen. Das Zeug schmeckt grausig, was bei Medizin bekanntlich eine gte Eigenschaft sein soll und heute geht es jedenfalls besser.

Inzwischen kenne ich auch alle Arten Geräusch, die Affen von sich geben können. Die Palette ist umfangreich und umfasst Tonlagen zwischen Vogelgewitscher, Babygekreische und Hundebellen. Außer im Lesen und Schlafen sowie kurzen Einkäufen bestand meine Kurzweil darin, den Affenhorden bei den halsbrecherischen Fassadenklettereien in meiner Gasse zuzuschauen. Es gibt nichts, wo ein Afffe nicht hinkommt, soviel steht fest. Ich wohne im dritten Stock und hier erscheinen die Viecher wie aus dem nichts und hangeln sich an mehr oder weniger nichts bis auf die Dächer. Zu Arbeitsunfällen kommt es dabei offensichtlic nicht, jedenfalls sieht man nirgends abgestürzte Äffchen in den Gasse liegen.

Den heutigen Tag habe ich dann doch für Freigang genutzt und war längs des Ganges unterwegs. Dazu vielleicht später mehr. Viel verändert hat sich hier nicht, außer dass man verstärkt um Sauberkeit bemüht ist und haufenweise Mülleimer (mit Mülltrennung!) aufgestellt hat. Morgen geht es weite rüber Delhi nach Amritsar. Falls am Flughafen Delhi Wifi vorhanden ist, könnte ich die Wartezeit mit weiterem Text überbrücken, man wird sehen.

Dienstag, 21. November 2017

The place to be

Früh morgens lande ich, wie das meist ist mir nicht allzu viel Schlaf im Gepäck, in Kolkata. Der Plan, nur Handgepäck, ist aufgegangen, auch wenn ich in Frankfurt alles auspacken durfte. Jedes Kabel muss neuerdings einzeln durchleutet werden, wenn's hilft. Für die Einreise gibt es auch etwas neues: e-Visa. Das funktioniert sogar, bequem über eine moderne Webseite zu beantragen, Zahlung über PayPal, kein Verschicken mehr von Pass und Unterlagen. Die Einreiseformalitäten ziehen sich dennoch und zerren an den Nerven. Offensichtlich wurden hier die langsamsten Beamten des Landes zusammengetrommelt, um Digitalfotos und Fingerabdrücke Einreisewilliger zu nehmen und allerlei überflüssige Fragen zu stellen. Ohne "e" vor dem Visum ging das mal schneller.

Am Flughafen versuche ich, mich mit Bargeld auszustatten. Leider sind die einzigen beiden Geldautomaten - einer drinnen, einer draußen - nicht funktionswillig, das verwundert nur mäßig. Ein bischen Bares habe ich noch vom letzten Mal übrig, das reicht für's erste. Auch wenn ich einen 500 Rupien Schein gleich zu Hause gelassen habe, denn der gilt nicht mehr. Vor einem Jahr wurden spontan die 500er und 1000er für ungültig erklärt, um Schwarzgeld, Korruption und allerlei kriminellem Treiben Einhalt zu gebieten. Jetzt gibt es stattdessen 2000er, die inzwischen auch in ausreichender Mange gedruckt wurden. Das war Ende letztesn Jahres nicht der Fall und es kam zu allerlei Engpässen. Ob 2000er (etwa 30 Euro) in einem Land, wo man chronisch auf der Suche nach Kleingeld ist, da schon die 500er kaum einer wechseln konnte, lösungsorientiert sind, man weiß es nicht.

Das Prepaid-Taxi in die Stadt ist wundersamer Weise noch billiger als vor fünf Jahren, incredible India. Der Fahrer gibt sich etwas wortkarg (am frühem Morgen in Ordnung), erweist sich aber als jemand, der sein Geschäft versteht. Wo andere lieber Hupen, nutzt er unaufgeregt jede sich bietende Lücke völlig hupenfrei. Gäbe den Begriff "Blechlawine" nicht schon, man müsste ihn erfinden. Denn nichts anderes ist dieses Knäul, als dessen Teil wir die rund 10 Kilometer in knapp einer Stunde zurücklegen. Eine Zeitungsdicke Abstand, wer braucht mehr. Ein gelassener Fahrer ist mir da recht, es macht Spass, mit Profis zu arbeiten.

Dann Ankunft in der Sudder Street, der Touristenmeile Kalkuttas. Eine wilde Mischung aus dem Indischen Museum von achtzehnhundertund, improvisiert wirkenden Garküchen mit Plastikplanenbehausungen dahinter, Bettlern, Schleppern und einem Hauch touristischer Infrastruktur begrüßen einen. Ich wohne mal wieder im Fairlawn, irgendwie der einzige Platz in Kolkata, wo man sein muss. Ein Hauch von Museum und kolonialer Geschichte, eigenlich zu teuer, aber voller Atmosphäre. Die große Dame des Hauses, Mrs Violet, lernte ich noch beim 5-Uhr-Tee kennen, inzwischen starb sie jenseits der 90. Sonst hat sich nicht viel verändert, mein Zimmer ist das gleiche, so wollte ich es haben.

Fliegender Händler mit Bastelartikeln vor dem Indischen Museum

Musealer Aufgang zu meinem Zimmer
Auch deutsche Presseartikel sind vorhanden

Doch es hat sich etwas geändert, der Garten wurde teilüberdacht. Angesichts der Scharen von Vögeln, die hier abends in den Bäumen wohnen, keine schlechte Idee. Als schlechte Idee entpuppt sich später allerdings, dass hier keine Getränke mehr ausgeschenkt werden des Abends. Ziemlich blöd, eine der besten Eigenschaften des Hauses, den Biergarten, abzuschaffen. Getränke nur noch in der Lobby, na toll. Das verstehe wer will, ich jedenfalls nicht.

Blick in den mittlerweile vom Getränkeausschank befreiten Garten, zu blöd

Der Rest des Tages geht ins Land mit den nötigen Beschaffungen (Bargeld, SIM_Karte etc.) und einem Spaziergang zum Victoria Memorial nach einem Mittagsschlaf. Der große Stadtpark Maidan gebärdet sich einigermaßen verwahrlost, daran hindern auch die überall aufgestellten Schilder, man möge die Schönheit des Ortes nicht beschädigen, eher wenig. Herausgeputzt ist dann allerdings der Garten rund ums steingewordene Denkmal ihrer Majestät, das sich bei Einheimischen offenbar großer Beliebtheit erfreut. Im Garten sehe ich überwiegend in Selfies und Gruppenaufnahmen vertiefte indische Familen, während langsam die Sonne untergeht. Es wird verflixt früh dunkel, um fünf ist düster. Also früh aufstehen und die Sonnenstunden nutzen ist wohl das Konzept. Sonnig ist es, aber deutlich angenehmer als bei meinem letzten Besuch, mit 30° lässt es sich leben.

Viel Platz auf dem Maidan
Das Victoria-Memorial liegt in der Gunst diverser Besucher
Und macht sich ganz hübsch im Abendlicht