Freitag, 27. August 2010

Das Wetter

Wenn man einem eher mäßigen (was das Hochsommerwetter angeht) August entflieht, mag das an sich eher belanglose Thema "Wetter" durchaus seine Berechtigung in der Berichterstattung haben. Beginnen nicht auch 99 Prozent aller Urlaubskarten mit Floskeln wie: tolles Wetter hier... die Sonne verwöhnt uns und ähnlichem? Seltener liest man, dass frierend im Graupelschauer gehockt wird oder es gerade in der Fremde schäußlicher zugeht als Daheim. Regen und Sturm auf Mallorca bei gleichzeitig 30 Grad im Ruhrgebiet führen dann eher dazu, das Thema zu meiden und sich andere Vorzüge des Urlaubsortes zur Not aus den klammen Fingern zu saugen, schließlich ist der angestrebte "Neidfaktor" bei Urlaubspost nicht zu vernachlässigen.
Jetzt bin ich also, seit wenigen Stunden, zu Gast in Europas größter Stadt. Und wie ist es denn nun, das Wetter? Ich möchte an dieser Stelle einige Zeilen von Wolfgang Koydl zitieren, der seit 1996 als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Istanbul lebt und das schöne Buch "Der Bart des Propheten" über diese Stadt schrieb. Zur Witterung äußert er sich wie folgt:
"Woran erkennt man einen Auslandskorrespondenten?
Den Redakteuren in den Heimatredaktionen fällt die Antwort auf diese Frage meist sehr leicht: wenn der Dienstort des Korrespondenten südlich des Alpenkammes liegt, verbringt er seine Tage damit, unter Palmen an einem Pool zu liegen und sich von einem dunkelhäutigen Knecht abwechselnd Depeschen und Longdrinks reichen zu lassen. [...]

Istanbul scheint sich auf den ersten Blick für das Standardbild von Pool und Palmen zu qualifizieren. [...]

Ein zweiter Blick in den Atlas aber würde auch zweigen, dass Istanbul an zwei Meeren liegt, die durch eine Wasserstraße miteinander verbunden sind. Mit anderen Worten: Die Stadt tendiert naturgemäß zu einer gewissen Feuchtigkeit, die es spielend mit den wässrig-kühlen Eigenschaften weniger südlich geprägter Städte wie Hamburg, London oder St. Petersburg aufnehmen kann.
Denn zu Schwarzem Meer, Maramarameer und Bosporus gesellen sich eben gemeinhin auch noch ganz normale Niederschläge vom Balkan, wenn auch in reicher Vielfalt: Regen, Graupel, Nebel und mitunter sogar Schnee. [...]

Ja, aber wird es denn nie Sommer in dieser Stadt?
Das schon, aber auch der ist feucht. So feucht, dass das weltweit einheitlich vertriebene Plastikmobiliar, das sich auch in hiesigen Teestuben wie ein Pilz ausgebreitet hat, bei einer Lufttemparatur von 36 Grad wirkt, als sei es gerade mit dem Gartenschlauch abgespritzt worden. Es ist aber nur der Niederschlag der Feuchtigkeit.
"
Soweit und so schön formuliert Herr Koydl. Und jetzt,
wie ist es denn nun? Ich kann bestätigen, eine gewisse Feuchtigkeit, gleich Schwüle, ist nicht zu verleugnen. Bei meiner Ankunft, gegen 21 Uhr, war es noch an die 30 Grad warm und die Luft mutete leicht tropisch an. Zwischenzeitlich ist es sehr angenehm, Biergartenwetter von seiner besten Seite, und so sitze ich luftig gekleidet auf einem Berg weicher Kissen vor dem Hotel und lasse kühle Getränke herbeibringen. Das erledigen übrigens keine dunkelhäutigen Knechte.

Kommentare:

  1. Der Neidfaktor steigt hier gerade bis ins Unendliche - angesichts der tropischen Temperaturen am frühen Abend. Genieße die warmen Abende ... bald wird es wieder anders sein. Wie wird denn wohl das Wetter morgen sein?

    Saludos de Chile

    AntwortenLöschen
  2. Bei Euch dürfte doch auch mittlerweile der Sommer seine Schatten vorauswerfen? Heute: 33 Grad, ein Lüftchen weht, kurz: besser geht's kaum ;-)

    AntwortenLöschen