Samstag, 17. April 2010

Delhi daily #2

So, da sind wir wieder. Die Eindruecke der letzten vier Tage in Haridwar sind so zahlreich, dass nur wenige Ausschnitte den Weg in dieses Tagebuch finden. Die Internetversorgung war in Haridwar gaenzlich nicht vorhanden, so dass erst jetzt ein paar Gedankensplitter den Weg ins Netz finden. Dazu gibt es unbearbeitetes Bildwerk in der Rohfassung, auch nur als ersten Eindruck.

Delhi kommt gerade regelrecht beschaulich an nach den letzten Tagen. Hier gehen wir ganz entspannt dem Tagewerk nach, ohne besondere Vorhaben.

Kumbh Mela - Eindruecke

Tja, wie soll man das beschreiben... Man stelle sich eine beliebige mittelgroße deutsche Stadt mit um die 200.000 Einwohnern vor. Dann stelle man sich vor, die gesamte deutsche Bevölkerung würde im Laufe von drei Monaten dort hin pilgern, zu Fuß, mit dem Auto, mit dem Bus oder Zug, mit einem Ochsen, mit Kind und Kegel. An manchen Tagen, wie hier dem 14. April, kämen gleichzeitig zumindest alle Einwohner der drei größten deutschen Städte. Kann man sich das vorstellen? Nein, kann man nicht. Aber genau das passiert hier.
Allerdings mit ein paar kleinen Unterschieden. Indische Kleinstädte haben nun bei weitem nicht die Infrastruktur wie eine mittelgroße deutsche Stadt. An Tagen wie diesem müssen trotzdem einige Millionen Besucher irgendwo schlafen, irgendwas essen und trinken, irgendwo auf's Klo und überhaupt erstmal Platz finden. Und das geht. Keiner weiß wie, aber es funktioniert. Provisorische Pontonbrücken wurden aufgebaut, endlose Zeltstädte, abertausende von Kochfeuern, die Pilger teilweise kostenlos verpflegen. Das typische indische Gedränge, überall sind Menschen, viele Menschen, potenziert sich hier ins unbeschreibliche. Aber niemand regt sich auf oder verhungert gar, jedem ist es eine Ehre, Teil dieses Chaos zu sein. Die Polizei sorgt mitunter fuer Hektik an den zahlreichen Draengelgittern, die den Strom kanalisieren sollen, weitergehen, nicht stehenbleiben.
Unter den Millionen sind sie zu Tausenden: Sadhus. Heilige und Scheinheilige aus dem ganzen Land. Die echten Asketen kommen nackt oder allenfalls mit einem Lendentuch, aus ihren Höhlen im Himalaya. Zurück in unsere mittelgroße deutsche Stadt: tausende Bärtige, mit nichts als Asche am Leib, Schwerter und Dreizacke schwingend in der Fußgängerzone, was für eine Vorstellung. So viele Gummizellen haben wir im ganzen Land nicht. Hier ist das normal, zumindest fast. Ausgerechnet im puritanischen, man könnte fast sagen verklemmten, Indien darf der anerkannte Heilige das: nackt herumlaufen, Haschisch rauchen und dabei Segen spenden. Alle anderen dürfen das nicht und müssen sich - das kennen wir doch auch? - von ihren Sünden reinwaschen. Nichts ist dazu so geeignet wie das Bad im Ganges zum Kumbh Mela. Und so geschieht es hier Tag und Nacht, ab zum Fluss, Untertauchen, Platz machen für die nächsten.



Der Glaube macht stark, erst recht wenn er mit Millionen geteilt wird. Was stören da noch Hitze, Enge, Staub und alle misslichen Umstände, die so eine Veranstaltung mit sich bringt. Vom Fluss der Sünden wegwäscht halten wir uns fern. Als Nicht-Hindu ist das sicher besser, zumal die Wasserqualität dem Augenschein nach nicht überzeugt. Dafür tauchen wir in den Fluss der Menschen und lassen uns treiben, willentlich und notgedrungen. In den Zeltstaedten der Sadhus suchen sie Rat, wir das Motiv und alle sind gleichermassen willkommen.



Hoechst beeindruckend haben wir hier wieder erlebt, wie aufgeschlossen viele Menschen sind. "Thank you for visiting my country!" Schallt es uns freudestrahlend entgegen, waehrend der aeltere Mann Bananen und Trauben vom naechsten Obststand zu besorgen - um sie uns zu schenken. Mit den dazukommenden Sadhus und den von Christian mitgebrachtem Kermit gab es dann lustigen Zeitvertreib:


Oft ergaben sich aehnliche Situationen, mussten wir begeisterte Mensche auf deren Wunsch hin ablichten, fuehrten wir angenehme Gespraeche. Am Haupttempel, der erst ab dem 15. April ueberhaupt wieder fuer Auslaender zugaenglich war, kamen wir auch ins Plaudern mit einer Gruppe Badender. Kurz darauf besorgte Nachfrage anderer vorbeikommender: "is there any problem? Can we help?" Nein, aber alleine diese Aufmerksamkeit und Sorge um den Gast beruehrt uns.

Sadhus - was ist das?

Vielerorts in Indien und Nepal trifft an sie: Sadhus, auch bekannt als Asketen, Eremiten, Wandermönche, Babas, Yogis, Weise, heilige Männer, Gurus. Die echten unter ihnen sind die wahren Asketen, die allem weltlichen entsagen und ihr Leben in Enthaltsamkeit und Meditation verbringen, immer im Streben nach dem Göttlichen, dem Überwinden des Kreislaufes von Wiedergeburten. Viele der echten Sadhus leben in der Abgeschiedenheit der Berge des Himalaya. Frei von weltlichen Bedürfnissen verlassen sie ihre Einsiedelei meist nur zu besonderen Anlässen, etwa religiösen Festen wie Kumbh Mela.
Andere ziehen umher, sind selten länger an einem Ort, leben als Wandermönche, als Suchende. Sie leben von dem, was Gläubige ihnen Spenden. Die Einsiedler hingegen existieren teilweise nur von dem, was die Natur ihnen gewährt. Es gibt die Extremen, Yogis die unverständliche Praktiken ausüben: jahreslanges Stehen auf einem Bein, Meditation auf glühenden Kohlen oder Nagelbrettern. Einer der bekanntesten hält seit ueber 25 Jahren seinen rechten Arm in die Höhe, Tag und Nacht, der Arm mittlerweile einem verdorrten Ast ähnlich. Dieser hochverehrte Heilige empfing uns auch in seinem Zelt:


Willenskraft, die ihresgleichen sucht, macht manche von ihnen zu übermenschlichen Wesen jenseits von Schmerz. Dann sind da aber auch die Paradiesvögel, die Scheinheiligen, bunt bemalt und in oranges Tuch gehüllt, um als Fotomotiv ihren Schnitt zu machen oder Touristen mittels Gebetszeremonien um ihre Barschaft zu erleichtern. Die meisten der echten Sadhus sind in Orden [Akahara] organisiert geordnet nach der jeweils primär verehrten Gottheit [meist Shiva, der Zerstörer] und den bevorzugten Praktiken. Die Anhänger Shivas erkennt man an der typischen Gesichtsbemalung und dem fast obligatorischen Dreizack. Friedfertig sind sie meist, aber nicht immer. Die Anhänger der June Akahara gelten im Volksmund auch als die "Hells Angels" Indiens. In deren Zeltlager hatten wir aber doch eher nette Erlebnisse.

Kaum bei anderen Gelegenheiten sind die Heiligen so zahlreich anzutreffen wie beim Kumbh Mela, insbesondere die Naga Sadhus, zu denen auch der genannte Orden zaehlt. Sie sind ueberwiegend nackt anzutreffen, nur mit Asche eingerieben (angeblich bevorzugt solcher aus Totenverbrennungen). Zu tausenden ziehen sie dieser Tage durch Haridwar und man darf sich einfach nicht wundern, wenn solche Exoten morgens neben dir nn der Teebude stehen.



Allen gemeinsam ist das Fremde, das Besondere, das manchmal Magische, was den Reiz einer jeden neuen Begegnung mit Sadhus ausmacht. Der Hinduismus kennt Millionen Götter und ebenso viele Wege zu Gott, das wird hier immer wieder auf's neue anschaulich.

Für unsere zahlreichen Erlebnisse war unser "persönlicher" Naga Baba wesentlich mit verantwortlich. Munu Giri, vom Orden der Juna Akhara, hatten wir zufällig kennen gelernt und er hat uns Wege geöffnet, die normalerweise für Touristen gesperrt waren, hat uns Dinge gezeigt, die den meisten verborgen bleiben. Den ganzen Tag war er mit uns unterwegs, nahm sich Zeit und unserer an, stillte unseren Wissensdurst. Dass alles geschah für Gottes Lohn und einen Mangosaft, mehr wollte er nicht von uns annehmen.

Ein paar Worte zur Kumbh Mela


Alle zwölf Jahre findet in Indien das riesige Kumbh Mela Fest statt, wechselweise in den vier heiligen Orten Haridwar, Allahabad, Ujjain und Nashik. Dies sind vier der sieben heiligen Städte des Hinduismus. An besonders günstigen Tagen nach der Sternenkonstellation kommen Gläubige zu rituellen Bäder an die heiligen Flüssen, insbesondere den Ganges.

Seinen Namen hat das Fest [mela] von einem Gefäß, Krug [kumbh]. Der Legende nach wurde in einem solchen Krug der "Nektar der Unsterblichkeit" [amrita] transportiert und bei einem göttlichen Streit fielen vier Tropfen daraus zur Erde - an die vier Orte, die heute Schauplatz des Festes sind.

An mehreren besonderen Badetagen ziehen tausende von Sadhus [heilige Männer, Asketen] in feierlichen Prozessionen zum Bad. Viele von ihnen kommen nur zur Kumbh Mela aus ihren Einsiedeleien im Himalaya. Kumbh Mela gilt als das größte Fest der Menschheit. Im Laufe von drei Monaten versammeln sich bis zu 90 Millionen Pilger am jeweiligen Festort am Ganges. Außerdem ist Kumbh Mela eines der ältesten kontinuierlich gefeierten religiösen Feste der Welt mit etwa 2000-jähriger Geschichte. Den Zeitpunkt unserer Reise haben wir am wichtigsten der Badetage ausgerichtet, am 14. April 2010 findet das königliche Bad Pramukh Shahi Sanan statt, zu dem Millionen von Gläubigen erwartet wurden.

Geschaetzte zehn Millionen (!!!) kamen und vom Balkon unseres Hotels sah es dann zu jeder Tages- und Nachtzeit mehr oder weniger so aus:


Auf nach Haridwar

Das ist leicht gesagt, doch schwerer getan. Am Morgen des 12. April fahren wir zum Busbahnhof, der fuer Fahrten ge'n Norden zustaendig ist. Dort herrscht wie erwartet erheblicher Trubel. Ein Buchungsbuero, was es hier eigentlich fuer die Touristenbusse geben sollte, ist nicht existent. Die in haeufigen Abstaenden abfahrenden "einfachen" Busse nach Haridwar werden von der Menge regelrecht gestuermt. Ich sagte es schon einmal, Inder besteigen Verkehrsmittel nicht - sie entern sie.

Wir raeumen uns selbst eher schlechte Chancen ein, eines der Fahrzeuge durch die Fenster zu erklettern und so einen Platz zu ergattern. Also wird umdisponiert, es gibt reichlich Angebote fuer Taxifahrten. Da diese stuendlich teuerer werden, greifen wir recht kurzentschlossen zu und legen die 220 Kilometer im Auto zurueck. Durch die geoeffneten Fenster weht uns heiser Wind um die Ohren, fuer etwa fuenf Stunden dauerfoehnen. Der Fahrer gehoert zur aggressiven Sorte, wir sind erfreut ueberhaupt den gewuenschten Zielort zu erreichen. Fast zumindest.

Der Autoverkehr endet ein ganzes Stueck ausserhalb der Stadt, dort muessen wir auch raus. Vor uns liegen noch etwa sieben bis acht Kilometer bis zu unserem Hotel. Diese legen wir ueberwiegend zu Fuss zurueck, was uns bei unserem eher umfangreichen Gepaeck und den Aussentemperaturen nicht frohlocken laesst. Ein Stueck erfahren wir mit einer Fahrradrikscha, bis wieder die naechste Strassensperre die Weiterfahrt verhindert. Dann engagieren wir zwei Gepaecktraeger, die sich foermlich aufdraengen. Ein eher mulmiges Gefuehl beschlecht uns, als besagte Traeger mit unseren Seesaecken bald zusammenbrechen. So geht dass nicht, wir taugen nicht zu Kolonialherren und koennen das nicht mit ansehen. Also werden die beiden entlohnt und fortgeschickt, selbst schleppt der edle Reisende.

Das tun um uns herum noch ein paar Leute. So ein paar Millionen, die nach und nach in Hardiwar einfallen. Doch dazu spaeter mehr. Wir schaffen es, unser Hotel zu erreichen und sind fuer diesen Tag erstmal "durch". Ein kaltes Bier waere jetzt toll, aber Haridwar ist heilige Stadt: kein Alkohol, kein Fleisch, keine Eier.

Sonntag, 11. April 2010

Delhi daily

Delhi ist wieder der Ankunftsort für den Norden Indiens. Aus Europa kommend landet man hier üblicherweise mitten in der Nacht und wird umgehend dem Schock dieser 17-Millionen-Metropole ausgesetzt.
Freitagsmoschee in Alt-Delhi
Man muss es mögen, dann ist Delhi sicher eine der erlebenswertesten Großstädte Indiens. Nicht das allzu viel zu sehen gäbe, aber das gelebte Chaos an sich macht den Reiz aus.
Den Reiz zu finden fällt freilich etwas schwerer, wenn man wie wir nachts um vier landet und zu ungünstigster Zeit endlich im Hotel ankommt. Wir gehen ins Bett und draussen erwacht Delhi. Vor allem erwacht der kleine Tempel unter unserem Fenster und beginnt mit seinen Zeremonien. Liebliche Mantras, sicher, aber in unseren Ohren gerade nur lautsprecherverzerrter Lärm. Die Nacht- oder vielmehr Morgenruhe beschränkt sich dann auch auf drei Stunden.
Dann gibt es etliches zu erledigen. Wer in dieser Jahreszeit nach Indien fährt, muss schwer was an der Waffel haben: uns erwartet die übliche smoggeschwängerte Luft, die aber geschmeidige 41 Grad aufweist. Schon beim späten Frühstück verfallen wir daher in buddhistische Starre, die Entdeckung der Langsamkeit um den Schweissströmen zu trotzen. Gelingen will das nicht, wir müssen uns bewegen. Zunächst zum Bahnhof, den Fahrkarten nach Varanasi müssen erworben werden.
Für solche Strecken kann man nicht mal eben am Schalter erscheinen und ein Ticket kaufen. Automaten gibt es zum Glück keine, die funktionieren schon bei uns zu selten. Dafür gibt es das reservation office, ein Glanzstück indischer Effizienz und Bürokratie. Nach erstaunlich kurzem Schlangestehen, hier eher Schlangesitzen, dem Ausfüllen eines umfangreichen Formulars, das Auskünfte über die beabsichtigte Reise, die persönlichen Verhältnisse und den Familienstammbaum erfasst, ist man geneigt, einen Computer nach freien Plätzen zu befragen. Da wir eine knappe Woche im Voraus erscheinen, gelingt das Unterfangen, für 2200 RS (only) wird uns Indian Railways befördern, dass sind fuer 600 Kilometer knapp 18 Euro pro Nase.
Den restlichen Tag verbringen wir mit Besuchen von zahlreichen Chai-Wallahs (den unvermeidlichen Teeverkäufern), Geldautomaten und Dachrestaurants. Das Konzept der möglichst minimalen Bewegung lässt den Tag zähflüssig verstreichen. In den vielen engen Gassen des Hauptbasars kann man sich einfach treiben lassen und etliche Kuriositaeten bestaunen.

Die interne und externe Kommunikation wird kuenftig mit einer indischen Prepaid-Karte erledigt, so laesst sich sehr guenstig nach Europa telefonieren. Schonmal in der Sauna Mails versendet? Ich auch nicht oft, hatte ich schon erwaehnt, dass es heiss ist? Ich will nicht klagen, wir tun es ja freiwillig. Aber die Aussicht auf etliche Stunden Busfahrt morgen... schauen wir mal.



Samstag, 10. April 2010

Tomatensaft

Eine kurze Meldung aus Abu Dhabi. Hier wurde gerade zwischengelandet nach einem ganz ansprechenden Flug mit Ethiad. Die Fluggesellschaft des Jahres 2009 konnte in Sachen Service und Ambiente auch durchaus ueberzeugen. Doof nur, wenn man sich einen Tomatensaft ueber's Zeug kippt...

Ich bin ja immer schon ein bekennender Hasser von Tomatensaft und soeben wurde mir der versehentlich statt Wasser in die Hand gedrueckt. Der Saft hat meinen Ascheu gespuert und glitt mit auch konsequent aus der Hand. Eine schoene neue Erfahrung, auf dem Flugzeugklo die Hose zu waschen.

In Abu Dhabi kenne ich jetzt den Flughafen. Stubkoerner haben hier keine Chance, zahlungskraeftige Menschen hingegen schon. Und kostenlose Internetterminals gibt es, daher dieser Text. Gang schon es Ambiente hier, aber die fuenf Stunden auf dem Rueckfkug moechte hier trotzdem nicht zwingend rumhaengen.