Freitag, 28. September 2012

Gemütliches Taschkent

Reichlich verspätet hebt die Boing der Usbekistan Air aus alten US-Beständen in Frankfurt ab. An Bord geschätzte zehn Usbeken und 190 deutsche Reisegruppenteilnehmer. Hochsaison für Studienreisende, hoffen wir das die schönen Gegenden nicht überflutet werden von Besichtigungswilligen. Das Unterhaltungsprogramm an Bord könnte man sehr wohlwollend als spärlich bezeichnen. Das lustigste war noch, das die vor mir sitzende das Tütchen Erdnüsse empört an das Servicepersonal zurückgab, die seien schlecht. Das "Mindesthaltbarkeitsdatum" war in der Tat eine Woche überschritten, "die dürfen uns doch hier kein abgelaufenes Zeug servieren!".Ich hatte meine schon auf und bin gerade nochmal an einer wahrscheinlich tödlichen Erdnussvergiftung vorbeigeschrammt, uff.

Die Einreise gestaltete sich eher aufwändig. Der Abgleich Gruppenvisum - Teilnehmer nahm erhebliche Zeit in Anspruch und nach gefühlt Stunden hatte ich dann als letzter auch eine hübschen neonorangen Stempel im Pass. Dass war allerdings nur die Eintrittskarte zur nächsten Warteschlange. Die akribisch auszufüllende Zollerklärung wurde ebenso akribsch kontrolliert, Gepäck geröntgt, alles abgestempelt. Der Beamte bewegte sich dabei so rasant, dass man ihm während der Arbeit locker sein Hemd hätte bügeln können. So erreichen wir erst gegen Mitternacht das pompöse Taschkent Palace, Wunschhotel aller Reisegruppen. Ein wohlschmeckendes Nachtmahl wird wenigstens noch gereicht und dazu kann lauwarmes Bier für schlappe fünf Euro verköstigt werden. Begeisterug sieht anders aus, es schläft sich aber angenehm.

Schaschliks mag der Usbeke
Heute morgen frühstückt auch eine indische Reisegesellschaft auf der Terrasse des Hauses. Ein Inder lässt sich traditionelle morgendliche Bad nicht nehmen, legt noch am Frühstückstisch seine Klamotten ab und taucht in Unterhose in den Pool. Ich liebe sie, Inder sind einmalig. Dann geht es los zur Stadtbesichtigung. Per buss und Fuss lassen sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten - und das sind so viele nicht - bequem abklappern. Interessant ist der letzte erhaltene "Ur-Koran" aus dem 7. Jahrhundert, der hier in Taschkent aufbewahrt wird. Geschrieben auf Gazellenlder mit einer Mischung aus Russ und Blut lässt sich das heute noch gut lesen (sofern man Kufi beherrscht).

Allerlei Zeug auf dem Markt
Stachelige Dinger, an denen man bei Erkältung riechen soll. Aha.
Die Stadt ist weitläufig, sehr grün und sehr ruhig. Wenige Autos sind auf den breiten Straßen unterwegs, Mopeds gibt es auch noch nicht bekannten Gründen gar keine. Alles wirkt gemächlich, kein Gehupe und Geschreie, entspannte Hauptstadt mit immerhin 2,5 Millionen Einwohnern. Die kommen als Frau meist buntgekleidet daher, russisch-sowjetischer Einschlag ist unübersehbar. Man sieht auf Anhieb nicht, dass es sich um ein zu 99% muslimisches Land handelt, noch nicht mal Muezzine sind zu hören. Die Menschen machen einen umgänglichen Eindruck, auch wenn der Umgang sprachlich bedingt nicht so einfach ist. Rudimentäres Englisch ist fast nur den im Tourismusgewerbe tätigen zu entlocken. Mit Händen und Füßen geht es natürlich und mein Fotografierwillen stösst selten auf Ablehnung, schön.

Streng schaut der Iman
Nachmittags ist kein Programm. Während sich die Gruppe zum Hotel trollt und dort noch mittagessen will, bleibe ich am Chorsu-Basar, unserem letzten Besichtigungspunkt. Da lohnt es sich einfach, mehr Zeit zu investieren und die ganzen Basarstraßen und Hallen zu durchwandern. Während draußen hauptsächlich unnützer Krimskrams angeboten wird, ist drinnen das Reich der Lebensmittelhändler. Ich komme mit einem jungen Mann ins Gespräch, der zum einen professionell Fußball spielt, zum anderen Deutsch lernt beim Goethe-Institut. Das macht er seit einem Jahr und ist froh über jede Gelegenheit zur praktischen Anwendung seiner Sprachkunst. Ich kann nur feststellen, er spricht sehr gut und die Gelegenheit zur Kommunikation biete ich ihm gerne. So verbringen wir eine ganze Weile gmeinsam auf dem Markt, ich korrigiere sein Deutsch und lehre ihn neue Wörter, er erzählt eine Menge über sein Leben in Usbekistan. Ich mutmaßte erst, dass ganze würde ein Geldwechselversuchen oder anderen geschäftlichen Anliegen gipfeln, tat es aber nicht. So eregab sich eine echte win-win-Situation. Gemeinsam bestiegen wir noch einen Aussichtsturm und kehren in eine Teestube ein, wo neben dem Getränk wohlschmeckende Blätterteigtaschen mit Hackfleisch gereicht wurden.

Voluminöse Haarschleifen, wenn man's tragen kann.
Auf den Rückweg machte ich mich per U-Bahn, der einzigen in ganz Zentralasien und Stoltz der Taschekenter. Am Eingang Polizeikontrolle, alle Taschen wurden gecheckt. Meine nicht, dafür wurde mein Pass verlangt. "Wo ist das Visum?" - "Gruppenvisum." "Wo ist die Gruppe?" - "Keine Ahnung, hier nicht." "Sie dürfen nicht ohne Gruppe uterwegs sein!" - "Ach was?! Da habe ich anderes gehört, no problem!". Es war dann aber doch ein Problem, mir wurde bedeutet, dass müsse "im Computer" überprüft werden. ALs Teilnehmer der vielgelobten usbekischen Polizeiwillkür darf ich also in einen Kabuff folgen und irgenwer wir angerufen. Meine Heimatadresse muss dann in eine Kladde eingetragen werden, wir spielen noch eine Weile Frage und Antwort. Mir dämmert schon, dass diese Aktion zu einem polizeilichen Bereicherungsversuch ausarten könnte. Da spassiert aber nicht. Irgendwann bekomme ich den Pass zurück, man entschuldigt sich gar für die entstandenen Umstände und wünscht eine gute Fahrt. Geht doch.

Die U-Bahn-Stationen sind auch bischen den Palästen für's Volk in Russland nachempfunden, recht hübsch. Fotografieren ist allerdings streng verboten. Trotz Umsteigen und rein kyrilischer Beschriftung aller Schilder bin ich zügig wieder in der Nähe des Hotels. Im nahegelegenen Park lässt sich noch ein Getränk bestellen und die Sonne genießen, mit Blick auf das Parlamant (glaube ich zumindest). Hier herrschen optimale Bedingungen, blauer Himmel bei knapp 30°, das mag man.

Samstag, 1. September 2012

In die Wüste geschickt

Ende September mache ich mich auf den Weg nach Usbekistan, ins Zentrum der historischen Seidenstraße. Von der Hauptstadt Taschkent soll zu zu den Oasenstädten Samarkand, Buchara und Xiva gehen, die zur Blütezeit der Seidenstraße mit prächtigen Bauwerken geprägt wurden. Das sollte recht sehenswert sein. Einen großen Teil des Landes bedeckt die Wüste Kysylkum, die schon alleine des Namens wegen mal besuchen möchte.

Ungewöhnlicher Weise werde ich diese Tour als Gruppenreise unternehmen. Man muss ja nicht immer alleine herumfahren und das macht die Organisation in diesem Fall sehr entspannt, zumal ich mit der Landessprache dort nicht so vertraut bin. Ich bin gespannt, wie dort der Kontakt zum einheimischen Volk dennoch möglich sein wird.

Wie gewohnt besteht die Absicht, hier regelmäßig von unterwegs zu berichten. Ob das gelingt, steht in den Sternen, die Internetversorgung könnte problematisch werden.

Montag, 18. Juni 2012

Hölle auf Erden

Anlässlich einer Veranstaltung und Ausstellung zum Thema Slums, organisiert von der Jungen Akademie für Zukunftsfragen in Hamburg, beteiligte ich mich mit einigen Fotos und zwei Artikeln. Neben einem Text über Dharavi, der sich ähnlich schon hier in den Reiseberichten aus Indien findet, schrieb ich unter dem Titel "Hölle auf Erden" folgenden Beitrag über Erfahrungen beim Besuch in Phnom Penh, Kambodscha (2008):

Die Hauptstadt Kambodschas ist relativ klein und beschaulich, vergleicht man sie mit anderen Metropolen Asiens. Es ist die Hauptstadt eines armen Landes, das noch entfernt ist von „stabilen Verhältnissen“. In den Siebzigern brachte das Terrorregime der Khmer Rouge einen nicht geringen Teil der eigenen Bevölkerung um, zuvor wurden im Vietnamkrieg ganze Landstriche weggebombt. Diese Wunden lasten bis heute auf der Nation. 

Nach Kambodscha kommt man vor allem wegen der Tempel von Angkor, faszinierende Zeugnisse einer Hochkultur und eines der bedeutendsten Baudenkmäler Asiens. Phnom Penh ist oft nur Durchgangsstation und bietet wenige Sehenswürdigkeiten, sieht man von Einblicken in die Zeiten des Schreckens ab. Ein Foltergefängnis ist heute Museum, die „Killing Fields“ am Stadtrand sind Gedenkstätte mit einem Mahnmal, gebaut aus tausenden Schädeln der einst in Massengräbern verscharrten.

Offenen Augen zeigen sich in der entspannt wirkenden Stadt aber auch die kleinen Höllen des heutigen Lebens. Phnom Penh ist eine der Drehscheiben für Menschenhandel und Kinderprostitution, befördert von Armut und Korruption. In einem der Straßencafés verderben mir zwei Franzosen im gesetzten Alter, die mit ihren augenscheinlich minderjährigen Begleiterinnen ein paar Tische weiter sitzen, den Appetit. Tausende Straßenkinder leben in Phnom Penh, sammeln Müll, betteln, schnüffeln Klebstoff, der das Leben erträglicher machen soll. Gleich bei meinem ersten Abendessen an der Uferstraße des Mekong starren mir eine Handvoll von ihnen hungrig das Essen förmlich vom Teller. Das habe ich so unerträglich noch nicht einmal in Indien erlebt. Das europäische Gewissen veranlasst mich, für die Hungernden noch eine Portion der gebratenen Nudeln kommen zu lassen, was fast eine Prügelei unter den Kindern auslöst. Die Stärkeren essen, hilflose Hilfe.


Hilfe gedeiht im Kleinen. Ich besuche ein Projekt, in dem ehemalige Straßenkinder wohnen und eine umfassende Schulbildung erhalten. Sie lernen Französisch, Englisch und Japanisch, was die Chancen auf einen Job im wachsenden Tourismussektor erhöht. Einige der heutigen Lehrer kamen früher selbst von der Straße hierher. Ein unglaublich engagierter Gründer des Projekts und viele Spender, vor allem aus dem Ausland, ermöglichen die Arbeit, für die sich der Staat weniger verantwortlich sieht.

Einer der Jungen im Projekt ist Mech, der heute sechzehn ist und einer der wissbegierigsten Schüler. Bevor er das Glück hatte, im Kinderheim aufgenommen zu werden und gute Chancen für die Zukunft zu bekommen, lebte Mech etliche Jahre auf der Straße und auf den Smokey Mountains. Die „rauchenden Berge“, das ist in Phnom Penh die umgangssprachliche Bezeichnung für die riesige Mülldeponie am Stadtrand. Dort fahre ich hin mit dem Jungen.


Per Autorikscha erreichen wir die Vororte der Stadt. In den Gassen sind zunehmend Betriebe zu sehen, die Plastik, Glas, Papier und Metalle recyceln. Der „grüne Punkt“ heißt hier Handarbeit in Hinterhöfen. Und die Rohstoffe kommen von dem Berg, den wir kurz darauf erreichen, ein Müllhaufen  unvorstellbaren Ausmaßes. Am Fuße des Berges ein See, fast schwarz, abgestorbene Bäume in der vergifteten Brühe und eine Ansammlung von windschiefen Wellblechhütten. Hier leben einige hundert Familien, die gemeinsam mit zahlreichen Straßenkindern vom und auf dem Müllberg leben. Eine fest gestampfte „Straße“, mit Metallplatten stabilisiert, führt auf den Berg. Lastwagen liefern hier rund um die Uhr den Unrat der Hauptstadt an und sorgen für ein stetiges Wachsen des Berges.


Ein Riesenmüllhaufen bei 35°, man kann sich den Gestank kaum vorstellen. In der Luft liegt außerdem ein beißender Qualm, denn der Berg brennt und schwelt an vielen Stellen, das gab ihm seinen Namen. Mitten in diesem Inferno hunderte von Menschen, ausgerüstet mit Metallhaken und Plastiksäcken sammeln sie alles verwertbare auf dem Müll. Die Säcke mit Plastik, Metall und allem, was wiederverwertbar ist, landen dann in den Recyclingbetrieben. Tag und Nacht, bei Dunkelheit mit Scheinwerfern, wird hier Müll gesammelt, 12 Stunden, 14 Stunden für einen US$. Das reicht zum Überleben im Slum, mehr nicht, dafür arbeiten hier Kinder, Männer, Frauen.


Was mich irritiert ist die Normalität des Lebens hier im Müll. Es gibt fliegende Händler, die Snacks verkaufen, ein paar Jugendliche spielen Fußball und in behelfsmäßigen Unterständen wird Essen gekocht. Man lebt, man arbeitet und niemand klagt. Das ist aber nicht nur auf Duldsamkeit und Fatalismus zurückzuführen, ich bin erstaunt über die Selbstverständlichkeit und ich glaube sogar den Stolz, mit dem hier gelebt wird. Die Menschen sind offen und aufgeschlossen gegenüber mir als exotischen Besucher, viele Ausländer dürften sich hierher nicht verirren.


Das soll die Szene nicht beschönigen. Ich erlebe die Zeit auf dem Müllberg fast wie im Trance. Bei jedem Schritt aufpassen, der organische Untergrund birgt zahlreiche Verletzungsgefahren. Der Gestank, die unglaublichen Eindrücke, das zerrt an allen Sinnen. Mir brennen die Augen und die Kehle, dieser Rauch ist unerträglich, schon nach einer Stunde. Schnell ist klar, wer hier den ganzen Tag schuftet, wird nicht alt. Eine Hölle auf Erden, würdiges Leben in unter menschenunwürdigen Lebensbedingungen. Weniges, das ich auf Reisen sah, hat mich ähnlich nachhaltig beeindruckt und mir einmal mehr vor Augen geführt, mit welchem verdammten Glück ich zufällig im übersatten Europa geboren wurde.



Freitag, 6. April 2012

Jetzt neu!

Wieder daheim und arktischen Temperaturen ausgesetzt kümmere ich mich nun noch um Anreicherung des Geschriebenen mit ein paar Bildern. Das Problem ist wohl in geänderten Einstellungen bei blogspot und deren Kollision mit den Sicherheitsvorstellungen von Win 7 zu finden, höchst merkwürdig. Nur über Umwege gelang es, nun noch Fotos hochzuladen. Also hier gilt nicht: sonderbares Indien, sonder eher *#$+!?! Windows.

Endlich konnte ich einen Schirmherren für diesen Blog gewinnen

Freitag, 30. März 2012

Schon wieder vorbei

Drei Wochen vergehen immer wie im Flug. Schon der letzte Tag in Mumbai, der nicht vertroedelt werden moechte. Bei den Dabbawallas habe ich nach dem Rechten geschaut, man liefert immer noch fleissig Selbstgekochtes aus. Am CST waren aber nur wenige der Essentransporteure zugange, gut, dass wir letztes Jahr am Bahnhof Churchgate waren. Da gab es deutlich mehr zu sehen.

Heute habe ich den Crawford Market und das Basarviertel rund um die Freitagsmoschee (passt ja heute) noch einmal abgeklappert. Vieles habe ich wieder entdeckt und fuer einige Fotos gab das auch wieder was her. Die Sensation des Tages: Osama lebt, von wegen Pakistan. Der verkauft Melonenschnitten in Mumbai und zwar schon seit Jahren, wie er versichterte. Fuer ein Foto war der Mann leider, aber verstaendlich, nicht zu haben.

Sandwiches vom Kohlegrill sind ein beliebter Snack in Mumbai
Ich nehme noch allerlei Dienstleistungen in Anspruch, die ich sonst zu Hause selbst machen muesste: Schuhe putzen lassen, eine Rasur. Einen Guerterl erstehe ich auch noch bei einem der zahlreichen muslimischen Lederhaendler, angefertigt auf Laenge nach Wunsch.

Das Klischee sagt ja, die Europaeer waeren so gestresst und hektisch und ungeduldig und koentten da in Asien etwas dazulernen. Das Klischee irrt allerdings im nicht unerheblichen Masse. Schon mal morgens auf dem Bahnhof in Mumbai gewesen? Oder die S-Bahn benutzt oder jedes andere beliebige oeffentliche Verkehrsmittal, Taxi gefahren? Dann weiss an aber, was gestresst ist. Einerseits vermag der Inder in sich zu ruhen und zum Beispiel jederzeit an jedem Ort in jeder moeglichen und ummoeglichen Position zu schlafen. Andererseits ueberkommt ihn der totale Stress, sobald er sich in irgendwelchen Verkehrmtteln bewegt. Fuer Taxifahrer sind alle anderen Verkehrsteilnehmer ausnamslos "Bandchood" (ich uebersetzte das jetzt nicht, es ist ein boeses, boeses Schimpfwort), was auch gerne jederzeit lautstark geaeussert wird. Hupen, Schreien, Draengeln im Akkord, was fuer ein Stress. Ich empfehle den Deutschen Strassenverkehr zur Steigerung der inneren Ruhe, der ist echt shanti.

So, jetzt geht es noch zum Stadtstrand in Chowpatti zwecks Sonnenuntergang und dann wird es Zeit, den Sack wieder zu packen. Ich hoffe, fuer die geduldigen Leser waren ein paar interessante Zeilen dabei. Mit Fotos werde ich das ganze dann nachtraeglich noch anreichern.

Donnerstag, 29. März 2012

Mumbai Masala

So, da bin ich wieder in der wohl geschaeftigsten Stadt Indiens. Zwar frischer als in Kolkata weht auch hier feucht-warmer Muff durch die kolonialen Strassen. Ich wohne dieses Mal in Fort, dem Geschaeftsviertel unweit des Bahnhofs CST, das ist der schoene alte im Kolonialstil. In der Umgebung meines Hotels finden sich viele kleine Druckereien. In einem etwa ein Quadratmeter grossen Betrieb habe ich Visitankarten in Auftrag gegeben, 100 Stueck fuer ganze 150 Rupien, gute Sache.

Viel veraendert hat sich hier nicht. Gestern Abend bin ich nach Colaba, ins Touristenviertel, gefahren und habe gut gegessen. Der Keller brachte gutes Thali und erinnerte sich auch gleich, letztes Jahr waren wir da haeufiger. Beidseits des Causeway haben die teuren Markenboutiquen zugenommen und Haendlerscharen trachten nach wie vor danach, ihr Zeugs an den Mann zu bringen. Allein meine Interessierte Nachfrage nach einer White-Russian-Machine vermochte noch niemand zu befriedigen (das versteht jetzt nur ein Leser, aber den wird's freuen). Leider hatee ich abends nichts weiter zu tun, als im Leopold's ein paar heftig ueberteuerte Bier zu trinken. Langweilig, das, komische Leute hier. Ich hoerte von einem Gartenlokal in Colaba, das werde ich dann heute inspizieren und hoffe auf besseres.

S-Bahnen sind gefragte Verkehrsmittel
In Dharavi habe ich heute nochmal vorbei geschaut. Mohammad erzaehlte zufrieden vom Saisonverlauf und den Neuerungen auf seiner Route, unter anderem eine Rundumaussicht von einem der Daecher, das fand ich ganz gelungen. Einen Feedback-Fragebogen fuer seine Kunden hat er jetzt auch, es wird immer professioneller mit seinen Slumfuehrungen und Erfolg sei ihm gewuenscht. In Daharavi geht es wieder sehr gescharftig zu und nach wie vor funktioniert hier das Zusammenleben von Hindus uns Muslimen unproblematisch, so soll es sein, schoen. Von den Abrissplaenen hat man offenbar auch mittlerweile Abstand genommen oder diese zumindest auf Eis gelegt, so dass dieser Wirtschafts- und Lebensraum mitten in der Stadt unveraendert besteht.

Über den Dächern von Dharavi
In Fort wurde mir heute ein 100 Rupien Schein angeboen, der die Seriennummer 786786 tragt. "Very lucky number!" - Kostenpunkt: 5000 Rupien. Ich verzichte und verweise auf meine Unkenntnis in Nummerologie.

Dienstag, 27. März 2012

Letzte Tage in Kolkata

Abgesehen von der schon affenartigen Hitze ist Kolkata eine durchaus sympathische Stadt, den Aufenthalt von fast einer Woche bereuhe ich nicht. Noch einmal besuche ich morgens den Blumenmarkt und die angrenzenden Ghats am Fluss, wo vor allem in der Frühe etliche Zeremonien stattfinden und einige Sadhus anzutreffen sind. Stunden kann man sich in dieser Gegend treiben lassen und bekommt immer neues zu sehen.

Kolkata war lange kommunistisch regiert, jetzt macht Karl Marx den Baba
In der College Street sind hunderte kleine Buchläden zu finden, die aufgereiht in Bretterbuden beidseits der Straße allen möglichen und unmöglichen Lesestoff anbieten. Wenn man die Prüfungsfragen für angehende Polizeikommisare wissen möchte oder ein Handbuch der Chirurgie benötigt, hier findet man diese. Dazu gibt es stapelweise dicke Schinken über Computersysteme vergangener Tage, vergibte Romane und verwitterte Gebetsbücher.

Käufliches Wissen in der College Street
In der gleichen Straße suche ich eine Insititution von Kolkata auf: das Indian Coffee House. Ein düsteres Treppenhaus mit spinnwebenbehangenen Elektoinstallationen führt ins Obergeschoß eines alten und entsprechend vom Zahn der Zeit und des Monsun heimgesuchten Gebäudes. Dort tut sich der Kaffeesaal auf, in dem hübsch beturbante Keller unter duzenden schwirrender Ventilatoren dahin huschen und die auf Plastikstühlen sitzenden Gäste mit Koffein versorgen. Dem ganzen geht der Ruf eines Treffpunktes der Intellektuellen, gar eines Debattiertreffs von revolutionärem Ausmaß voran. Revolutionär ist heute allenfalls, dass mindestens die Hälfte der Besucher das unübersehbar plakatierte Rauchverbot geflissentlich ignorieren, ich schließe mich diesem unkorrekten Tun an.

Wo Intellektuelle Kaffee schlürfen
Unweit meines Hotels in der Sudder Street lässt sich morgens die Müllabfuhr der Stadt beobachten. Der Müll aus den Straßen und Gassen wird zusammengefegt und mit Handwägelchen zu einer Art Sammelstelle gebracht. Dort sorgt eine Horde Schweine sofort für eine Reduzierung der Müllmenge. Was verbleibt, landet auf Lastwagen und wird zum "Gabbage Mountain", der riesigen Müllkippe in Dhopa, gefahren. Da wollte ich eigentlich auch hin, aber kein einziger der befragten Taxifahrer verstand, wo es hingehen soll.

Ziemlich außerhalb auf der "Schäl Sick" in Howrah liegt der botanische Garten der Stadt. Das Taxameter bringt es auf fast 20 Kilometer. Der Garten ist ganz schön groß, wie ich nach ausufernden und schweißtreibenden Spaziergängen feststelle. Eine Oase der Ruhe, Dschungelstimmung und dann gibt es auch noch den weltweit größten Banyan-Baum zu sehen. Dieser in Asien populäre Baum aus der Fikus-Familie ist bekannt für seine Luftwurzeln, mit denen er ausladende Äste abstützt. Das hiesige Exemplar besitzt davon an die 3000, teils selbst baumstammdick, so dass der einzige Bäum eher wie ein kleiner Wald aussieht. Er erstreckt sich über immerhin 1,5 Hektar und hat es gar in Guiness Buch der Rekorde (welches in Indien total populär ist) geschafft.

My Rikshaw is my Castle
Da die wenigen Taxifahrer vor dem Garten höchst inflationäre Preisangebote machen, besteige ich den nächsten Bus zum Bahnhof Howrah. Eine Fahrradrikscha wäre wahrscheinlich schneller gewesen, ich hätte es wissen müssen. Schon nach wenigen Minuten und ebensovielen Stopps ist der Bus sardinenbüchsengleich mit Fahrgästen aufgefüllt und quält sich scheppernd und abgasumweht gen Bahnhof. Das macht er aber immerhin 20 mal billiger als die letzten Offerten der Taxifahrer. Um die Howrah-Brücke vom Fluss aus zu sehen, nehme ich die nächste Fähre vom Bahnhof gen Norden ans andere Ufer. Unversehents lande ich in einer ganz interessanten Gegend. Viele kleine, aber offensichtlich sehr beliebte Tempel reihen sich an der Uferstraße aneinander, auf der anderen Straßenseite Buden mit den passenden Opfergaben. Dahinter liegt die Bahnstrecke, die hier beidseitig bis dicht an die Gleise mit Slums gesäumt ist. Im angrenzenden Viertel werde ich zum x-ten Mal zu einem Tee eingeladen und bin schnell eine Art Attraktion. Schöne Ecken, in die sich eher wenige Ausländer verirren.

Heute ein König
Bei allen potentiellen Postkartenempfängern muss ich mich schon jetzt entschuldigen. Ich hatte vor, hier in Kolkata die Post zu erledigen, da habe ich ja Zeit satt, war der Gedanke. Dann habe ich es erst vergessen und schließlich nicht einen einizgen Verkäufer von Postkarten gesichtet. Vielleicht wird das in Mumbai noch was, schauen wir mal.